Stille Nacht (1974/1980)
3 Variationen und ein Nachsatz aus der Ferne für Sprecher und gemischten Chor a cappella
Sprecher, gemischter Chor a cappella
Dauer: 9 Minuten
Elisabeth Flickenschildt (Sprecherin) | St. Michaelis-Chor | Günter Jena
Heinz Rühmann (Sprecher) | St. Michaelis-Chor | Günter Jena
Christiane Hörbiger (Sprecherin) | St. Michaelis-Chor | Christoph Schoener
A/B:
Titel: Stille Nacht / zu: Stille Nacht (Nachsatz aus der Ferne) - Umfang: 6 Seiten / 2 Seiten - Datierung: 23.11.74 / 1980 - Aufbewahrungsort:
Schott Music C 52107 / ISMN: 979-0-001-14409-4
Druckfehlerkorrektur:
Takt 4: Bass ohne Haltebögen | Takt 5: Bass: Zählzeit 1: ohne a | Takt 6: Sopran 2: Zählzeit 4: Auflösungszeichen fehlt
Bertold Hummel | Stille Nacht | Kammerchor der Hochschule für Musik Würzburg
Stille Nacht, Heilige Nacht!
Alles schläft, einsam wacht
Nur das traute, hochheilige Paar.
Holder Knabe im lockigen Haar,
Schlafe in himmlischer Ruh!
Stille Nacht! Heilige Nacht!
Gottes Sohn, o wie lacht
Lieb' aus deinem göttlichen Mund,
Da uns schlägt die rettende Stund'.
|: Christ in deiner Geburt! :|
Stille Nacht! Heilige Nacht!
Hirten erst kundgemacht
Durch der Engel Alleluja,
Tönt es laut von fern und nah:
|: "Christ der Retter ist da!" :|
Das Stück, das für den Chor der St. Michaelis-Kirche in Hamburg geschrieben ist, integriert in der ersten Variation einen Sprecher. Über einem Cluster, der sich aus dem ersten Liedmotiv dreimal neu entwickelt, rezitiert er (oder sie) die erste Strophe. Damit ist der Sprecherpart schon erfüllt. In der zweiten und dritten Strophe ist die Liedmelodie vollständig und unverändert zu hören, erst im Alt, dann in Parallelen zwischen Sopran und Tenor. Was man aber von den anderen Stimmen dazu zu hören bekommt, das ist im schönsten Sinne unerhört! Keinerlei harmonischer Zuckerguss, kein Weihnachtskitsch, keine musikalischen Goldlöckchen. Nur eine ganz logische motivische Entwicklung, aus dem pp der zweiten Strophe heraus durch immer weitere Aufteilung der Stimmen in ein ff in der dritten Strophe, in der Ober- und Unterchor parallel geführt sind. Und gerade diese Logik ist so bestechend, die Akkordik, die sich aus der Führung der einzelnen Stimmen ergibt, so erstaunlich neu und doch so, als könne es gar nicht anders sein... Die dritte Strophe endet mit dem Cluster der ersten, der "Nachsatz aus der Ferne" bringt eine ganze "Strophe" nur auf Tonsilben, und führt den Hörer wieder zurück "nach Hause", nach C-Dur. Einziger Wermutstropfen: auch wenn es anders auf dem Titelblatt steht, der Chor ist wirklich in allen Stimmen geteilt, Sopran und Tenor an wichtigen Stellen sogar dreifach, man braucht Bässe, die auf dem tiefen g noch klingen, man braucht Soprane, die ohne Not lange im pp auf dem hohen g verweilen können, man braucht einen wirklich großen Chor dafür.
Stefan Rauh
Hummels vier-bis achtstimmiger Chorsatz zu Grubers weltbekannter Melodie "Stille Nacht, heilige Nacht" (für Günther Jenas Michaelischor in Hamburg verfaßt) beschäftigt sich mit Mustern, die flächige Klangteppiche (mit Clusters und Gleittönen) in ein Wiegen und Wogen einfließen lassen. Von überall her ertönen da quasi Engelsstimmen als Unter- und Überbau zur Hauptmelodie, und dezente dissonante Reibungen entrücken die Stimmigkeit jeglicher verführerischer Süßlichkeit.
Künstlerischer Höhepunkt des Konzertes war zweifellos „Stille Nacht – 3 Variationen und ein Nachsatz aus der Ferne“ des Würzburger Komponisten Bertold Hummel. Kai Christian Moritz rezitierte den bekannten Text zu schwebenden Klanggebilden des Chors, die zwischen absoluter Harmonie und atonalen Klangclustern pendelten und in der hohen gotischen Halle nach oben strebten. Von überall her ertönten da quasi Engelsstimmen als Unter- und Überbau zur Hauptmelodie, und dezente dissonante Reibungen entrückten die Stimmigkeit jeglicher verführerischer Süßlichkeit. Nach einem nur scheinbaren Ende des Stückes, der Chor hatte sich bereits von der Bühne im Altarraum zurückgezogen, schallte plötzlich aus der Rienecker Kapelle der glasklare, streng harmonische Nachsatz in die mucksmäuschenstille Kirche.
Preface (Schott Music C 52107)
When the newly appointed church music director Günter Jena launched the extremely successful concert event with music and poetry for Advent in Hamburg's largest and most traditional church, St Michael's, in 1974, he asked Bertold Hummel to compose three variations on the world-famous Christmas carol "Silent Night" for the St Michael's choir.
The idea was to include the narrator, who recited Advent and Christmas poetry between the musical pieces, in this carol motet.
Elisabeth Flickenschildt (1974/1975) and Heinz Rühmann (1978), two of the most famous German actors, were available for the first three performances of this composition in the "Hamburger Michel".
After a performance on Boxing Day 1980 in Würzburg's St Kilian's Cathedral, my father composed a "Nachsatz aus der Ferne" at the request of the Würzburg Cathedral Boys' Choir. In doing so, he met the need for harmony, which was particularly pronounced on this holiday, and resolved the ambiguous final phrase of the third verse into a radiant C major.
Choirs wishing to include this effective piece in their Christmas programme should decide for themselves how to conclude it.
Martin Hummel
Günther Jena formulated the composition commission as follows:
Dear Mr Hummel!
Enclosed is the song. Of course, it should be higher for the choir. Since Mrs Flickenschildt is present, the first verse could also be for speaking voice over choir - but I don't know whether this is favourable, since she is supposed to read Böll's story immediately beforehand. In my opinion, the second and third verses should be rearranged in order to achieve a clearer (dynamic?) increase. The number of voices can also be increased, with 90 - 100 choristers singing.
The whole evening is accompanied by several lighting effects: it begins in the darkened church, then candles are added and at the end of the evening the church should be festively illuminated with Christmas cheer. At the 3rd verse, a spotlight could shine on a golden sun and the risen Christ in the altarpiece, making the church noticeably brighter for the first time. Unfortunately, I have forgotten the Böll story at home, but perhaps you can imagine the mood he captures in a railway station on Christmas Eve: loneliness, abandonment, darkness, desolation.
With warmest regards, Yours
Günter Jena
These texts were read before the motet at the popular concert series Musik und Dichtung zur Adventszeit in Hamburg's Michel:
Heinrich Böll: Weihnacht im Großstadtbahnhof (Elisabeth Flickenschildt, 1974) - followed by Jochen Klepper: Die Nacht ist vorgedrungen
Karl Heinrich Waggerl: This is the quietest time of the year (Heinz Rühmann, 1978)
Selma Lagerlöff: Die heilige Nacht (Christiane Hörbiger, 2015) - followed by Johannes Kuhn: Do you believe in angels?
Vorwort (Schott Music C 52107)
Als der neuberufene Kirchenmusikdirektor Günter Jena 1974 in Hamburgs größter und traditionsreichster Kirche St. Michaelis die überaus erfolgreiche und bis zum heutigen Tage stattfindende Konzertveranstaltung mit Musik und Dichtung zur Adventszeit ins Leben rief, bat er Bertold Hummel für den Chor St. Michaelis 3 Variationen über das weltbekannte Weihnachtslied "Stille Nacht" zu komponieren.
Die Idee war, den Sprecher, der zwischen den Musikstücken Dichtungen zur Advents- und Weihnachtszeit vortrug in dieser Liedmotette mit einzubeziehen.
Für die drei ersten Aufführungen dieser Komposition im "Hamburger Michel" standen mit Elisabeth Flickenschildt (1974/1975) und Heinz Rühmann (1978) zwei der berühmtesten deutschen Schauspieler zur Verfügung.
Nach einer Aufführung am 2. Weihnachtsfeiertag 1980 im Würzburger Kiliansdom komponierte mein Vater auf Bitten der Würzburger Domsingknaben noch einen "Nachsatz aus der Ferne". Damit kam er dem an diesem Feiertag besonders ausgeprägten Harmoniebedürfnis entgegen und löste die doppelbödige Schlussfloskel der dritten Strophe in strahlendes C-Dur auf.
Chöre, die dieses wirkungsvolle Stück in ihr Weihnachtsprogramm aufnehmen wollen, mögen über dessen Ausklang selbst entscheiden.
Martin Hummel
Den Kompositionsauftrag formuliert Günther Jena folgendermaßen:
Sehr geehrter Herr Hummel!
Beiliegend das Lied. Natürlich müßte es für den Chor höher stehen. Da Frau Flickenschildt anwesend ist, könnte die erste Strophe auch für Sprechstimme über Chor sein - ich weiß aber nicht, ob das günstig ist, nachdem sie ja unmittelbar vorher die Geschichte von Böll lesen soll. Zweiter und dritter Vers sollten meines Erachtens umgestellt werden, um eine deutlichere (dynamische?) Steigerung zu erzielen. Es kann auch eine Steigerung in der Stimmenzahl vorgenommen werden, es singen 90 - 100 Chorsänger.
Der ganze Abend wird mit mehreren Lichteffekten begleitet: er beginnt adventlich in der abgedunkelten Kirche, dann treten Kerzen dazu und am Schluß des Abends soll die Kirche bei weihnachtlichem Jubel festlich erleuchtet sein. Beim 3. Vers könnte ein Scheinwerfer auf eine goldene Sonne und den erstandenen Christus im Altarbild aufblenden und damit zum ersten Mal die Kirche merklich heller machen. Leider habe ich die Böll-Geschichte zu Haus vergessen, aber Sie können sich vielleicht in etwa vorstellen, welche Stimmung er in einem Hauptbahnhof am Heilig Abend einfängt: Einsamkeit, Verlassenheit, Dunkelheit,Trostlosigkeit.
Mit den herzlichsten Grüßen Ihr
Günter Jena
Bei der beliebten Konzertreihe Musik und Dichtung zur Adventszeit im Hamburger Michel wurden vor der Motette diese Texte gelesen:
Heinrich Böll: Weihnacht im Großstadtbahnhof (Elisabeth Flickenschildt, 1974) - danach Jochen Klepper: Die Nacht ist vorgedrungen
Karl Heinrich Waggerl: Das ist die stillste Zeit im Jahr (Heinz Rühmann, 1978)
Selma Lagerlöff: Die heilige Nacht (Christiane Hörbiger, 2015) - danach Johannes Kuhn: Glauben sie an Engel?