Marion Brown

8. September 1931, Atlanta (Georgia) - 18. Oktober 2010, Hollywood (Florida)

Marion Brown mit Hummels Kindern u.a. beim Schlittenfahren im Würzburger Steinbachtal, Dezember 1968
Marion Brown mit Hummels Kindern u.a. beim Schlittenfahren im Würzburger Steinbachtal, Dezember 1968
Bei Hummels zuhause mit Ambrose Jackson, Marion Brown, Gunter Hampel, Jeanne Lee, Würzburg Mai 1969
Bei Hummels zuhause mit Ambrose Jackson, Marion Brown, Gunter Hampel, Jeanne Lee, Würzburg Mai 1969
Marion Brown in Sommerhausen, Zeitungsartikel 1969
Marion Brown in Sommerhausen, Zeitungsartikel 1969
Plakat Marion Brown-Quintett, Würzburg 1969
Plakat Marion Brown-Quintett, Würzburg 1969
1969-71_brown-hummel_korrespondenz_auszz.pdf
Korrespondenz Marion Brown - Bertold Hummel 1969/1971

Bertold Hummel wohnt und arbeitet von Juli bis Dezember 1968 als Stipendiat in der "Cité internationale des Arts" in Paris. Dort lernt er den amerikanischen Free-Jazz-Saxophonisten und Komponisten Marion Brown kennen und freundet sich mit ihm an. Zwischen den beiden Musikern findet ein intensiver Austausch über Musik und weltanschauliche Themen statt, der Marion Brown zu der Komposition Conversations avec le compositeur Bertold Hummel inspiriert. Gemeinsam mit Steve McCall und Ambrose Jackson improvisieren die beiden live im französischen Rundfunk auf den Klangskulpturen von Eduard Johannes Stöcklin Hummels Soniles. Das Weihnachtsfest 1968 verbringt Brown mit der Familie Hummel in Würzburg. Im Mai des folgenden Jahres spielt das Marion-Brown-Quintett (M.B., Gunter Hampel, Steve McCall, Ambrose Jackson, Daniel Laloux) im Rahmen des von Hummel geleiteten „Studios für Neue Musik“ ein vielbeachtetes Konzert. Dabei entsteht die Aufnahme zur LP „Marion Brown in Sommerhausen“, die ebenso wie die LP „Marion Brown/Gunter Hampel: Gesprächsfetzen“ auf Vermittlung von Hummel 1969 beim Calig-Verlag veröffentlicht wird. Ein Jahr später kehrt Marion Brown wieder in die USA zurück. Man bleibt in schriftlichem Kontakt, berichtet von eigenen Kompositionen und familiären Ereignissen. Die Korrespondenz zwischen Hummel und Brown verebbt freundlich 1978 - zehn Jahre nach ihrem Kennenlernen in Paris. 

Für die LP „Gesprächsfetzen“ schreibt Bertold Hummel diesen Text:

Aufgefangene Worte, die sich ohne Sinngehalt zu einer Impression verdichten - Sprache als Klang, Melodie und Rhythmus. In diesem Werk präsentiert sich eine neue Entwicklung des „Free Jazz", die in engem Kontakt zu den Ereignissen der heutigen Weltmusik steht. Der Ausbruch aus den musikalisch beengenden Prinzipien der Jazzmusik ist hier permanent gelungen. Nunmehr ergibt sich die Möglichkeit, über die gesamten bisher entwickelten musikalischen Materialien zu verfügen. Keine Beschränkung auf das Dur-Moll-System, auf Ganz- und Halbtöne, auf Tonalität und Atonalität - schön wird nicht gegen häßlich, Impression nicht gegen Expression abgegrenzt usw. - sondern alle diese Dinge sind gegenwärtig und werden völlig unorthodox gehandhabt.

So tritt an die Stelle von Revolution - Evolution. Der besondere künstlerische Wert dieser Komposition liegt zweifellos in der subtilen Ökonomie der Vorplanung und der damit gegebenen Plastizität. Die virtuosen Executanten der „Gesprächsfetzen" - an sich ausgeprägte Instrumentalindividualisten - verfügen über das erforderliche Maß an Aktions- und Reaktionsvermögen, das in den Einzel- wie in den Kollektivimprovisationen in jedem der fünf Abschnitte des Werkes zu prächtigen Solo- wie Ensembleleistungen führt. Gleichsam als notwendiges Regulativ schwebt über allem ein in langen Jahren gereifter Kunstverstand, der nicht zuletzt aus einer leidenschaftlichen Liebe Marion Browns zur Musik schlechthin resultiert. 

 

Biografie
Marion Brown, der zunächst in einer Hausband spielte, absolvierte den Wehrdienst in einer Militärband; 1957 spielte er mit Johnny Hodges in Atlanta. Er studierte zunächst Saxophon, Klarinette und Oboe am Clark College in Atlanta, dann Rechtswissenschaft an der afroamerikanischen Howard University, sowie auch Musikerziehung, Politik, Wirtschaftswissenschaft und Geschichte. 1960 brach er das Studium ab und ging er nach New York City, wo er sich mit dem Dichter Amiri Baraka anfreundete und darüber mit der sich in der Stadt entwickelnden Free-Jazz-Szene in Kontakt kam. Ab 1962 arbeitete er mit Musikern wie Rashied Ali, Alan Shorter oder Archie Shepp (Fire Music, 1965), der sein Mentor wurde; er wirkte auch bei Shepps Album Fire Music mit. John Coltrane engagierte ihn im Sommer 1965 für die Aufnahme seines Albums Ascension. In dieser Zeit arbeitete Brown auch mit eigenen Gruppen, u. a. mit Stanley Cowell. Ab 1959 unterrichtete er, schrieb Gedichte und über Musik, u. a. einen ersten Artikel über Ornette Coleman, und trat in Barakas Theaterstück The Dutchman auf.

Mit einem Stipendium der Cité International des Artistes verbrachte er ab 1967 einige Zeit in Europa, wo er mit Karl Berger, Steve McCall, Barre Phillips, Alan Silva, Gunter Hampel und Jeanne Lee spielte und sich sein Interesse an afrikanischer Musik verstärkte. 1968 entstand die Filmmusik zu Marcel Camus’ Un été sauvage. „Im Zusammenspiel mit Hampel entwickelte Brown eine lyrische Sprache, mit der er endgültig eine eigene Stimme im Kanon des freien Jazz verankerte.“ Kurz vor seiner Rückkehr 1970 in die Vereinigten Staaten, nahm er mit Hampel, Lee, Anthony Braxton, Bennie Maupin und Chick Corea für ECM sein wohl bekanntestes Album Afternoon of a Georgia Faun auf, „auf dem er die Stimmung von Debussys Nachmittag eines Fauns mit einem perkussiven Klangbild und einer dynamischen Kollektivimprovisation aufnahm“.

In den USA stellte er Linguistik und Kompositionstechniken der afrikanischen Musik ins Zentrum seiner Forschungs- und Lehrtätigkeiten. Ab 1971 war Brown Assistant Professor für Musik am Bowdoin College in Brunswick (Maine), eine Position, die er bis zum Erwerb des Bachelors 1974 innehatte. Daneben hatte er Lehraufträge an der Brandeis University (1971–1974), dem Colby College (1973/74) und am Amherst College (1974–1975), sowie eine Assistentenstelle an der Wesleyan University (1974–1976), wo er 1976 den Master in Musikethnologie erwarb. Seine Abschlussarbeit veröffentlichte er in der Schrift Faces and Places: The Music and Travels of a Contemporary Jazz Musician. Neben seiner Lehrtätigkeit beschäftigte er sich mit indischem Flötenspiel und afrikanischen Instrumenten. Sein Spiel und seine Kompositionen zeichnen sich durch eine besondere Ruhe aus. Er arrangierte Werke von Erik Satie und schrieb Musik zu Georg Büchners Woyzeck. Ferner setzte er seine Zusammenarbeit mit Gunter Hampel fort. Neben seiner Lehrtätigkeit in Northampton (Massachusetts) trat er auch an Universitäten auf und betätigte sich als Maler.

Aufgrund gesundheitlicher Probleme – ihm musste ein Fuß amputiert werden – ist Brown seit 1992 fast nicht mehr aufgetreten. Er hat auch mit dem Komponisten Harold Budd auf dessen Album Pavilion of Dreams zusammengearbeitet. Freunde und Gönner holten Brown aus einem Altersheim in New York und brachten ihn in einem Pflegeheim in Florida unter, wo er im Oktober 2010 starb.

https://de.wikipedia.org/wiki/Marion_Brown (14.07.2026)

 

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