in memoriam Bertold Hummel

Festrede am 27. November 2025

Prof.in Elisabeth Gutjahr

Sehr geehrter Herr Präsident, lieber Christoph,
sehr geehrter Herr Stadtrat Mack,
liebe Festgäste,
liebe Familie Hummel,

es ist recht unwahrscheinlich an einem 27. November geboren zu werden. Diese letzten Tage im November, die ersten im Sternzeichen Schütze, weisen weltweit die niedrigsten Geburtenraten auf und ausgerechnet heute feiern gleich zwei großartige Komponisten Geburtstag. Beide wurden im Schwäbischen (oder schon Badischen, wenige Kilometer entfernt) geboren, der eine wächst in einem protestantischen Pfarrhaus auf, der andere sitzt schon als Bub beim Vater auf der Orgelbank und lauscht. Sein erstes Konzerterlebnis einer Brucknersinfonie wird dem Elfjährigen Bertold zum Schlüsselerlebnis, er beschließt Komponist zu werden. Bertold Hummel würde seinen Geburtstag, der sich heute zum 100. Mal jährt, sicher musizierend verbracht haben wie sein ganzes Leben und das seiner Familie, auch wenn einer der sechs Söhne als „schwarzes Schaf“ nicht Berufsmusiker vielmehr Geistlicher wurde. Möglicherweise hat dieser damit nur eine Art „Abkürzung“ genommen für den unmittelbaren Dialog mit Gott, dem die Musik unter allen Künsten vielleicht die Liebste ist. Du sollst dir kein Bild machen, so das zweite Gebot, vielleicht aber ist das Göttliche letztendlich Klang: all überall und gnädig und als Zeitkunst die Zeit überwindend ins Jenseits des Verklingens. 

In einer Zeit der zunehmenden Säkularisation hat der schöpferische und auch wohl der nachschöpferische Künstler die Aufgabe, seine Mitmenschen auf das Transzendente, auf das Unerklärbare und auch Unbeweisbare hinzuweisen. Die Sprache der Musik - als der vielleicht weltumfassendsten - kommt hierbei eine besondere Bedeutung zu. Bertold Hummel, 2001

Bertold Hummel und Helmut Lachenmann, die bezogen auf ihr Alter nur zehn Jahre trennt, spuren mit ihrem musikalischen Schaffen den weiten Raum künstlerisch musikalischer Vorstellungskraft und kritischer Auseinandersetzung – auch mit den Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Beide verbindet ein tiefempfundenes Verantwortungsbewusstein, Gerechtigkeitssinn und Spiritualität.

Als ich Bertold Hummel Anfang der 90iger Jahre persönlich kennen- und schätzenlernen durfte, war es über seine große Erfahrung und Fachkompetenz hinaus vor allem seine Haltung der Welt als Gemeinschaft gegenüber, die mich tief beeindruckte. Bewundernswert seine stete Bereitschaft, jeden Menschen in seiner individuellen Persönlichkeit ernst zu nehmen und wertzuschätzen, in jedem Begabungen vermutend  und entdeckend. Er hatte damals den Juryvorsitz im ersten Europäischen Rhythmikwettbewerb an der Musikhochschule Trossingen inne, und es faszinierte mich, wie er mit Heiterkeit und Wohlwollen den strengen Wettbewerb in eine Art Fest zu verwandeln vermochte, ohne auch nur um ein Haar von seinem Leistungsanspruch abzuweichen. Ich war damals Anfang 30, eine Anfängerin auf dem Parkett der Wettbewerbsleitung mit internationaler Jury. Ich spürte bei meinen Begrüßungsworten auf der großen Bühne des Konzertsaals sehr deutlich das Herz klopfen und hörte den leicht angespannten Klang meiner Stimme. Bertold aber lobte diesen Auftritt mit den Worten: „Du wirst hier noch Rektorin.“ Ein Satz, der mir erst Jahre später wieder ins Bewusstsein kam. Sein Schüler, der Komponist Jürgen Weimer, war damals Rektor in Trossingen. Der Scharfsinn, mit dem er wiederum eine politisch-kritische Haltung virtuos zu positionieren verstand, die Meisterschaft seiner Rhetorik, die er gegen Dummheit und Denkfaulheit als Waffe einzusetzen wusste, waren legendär; die Radikalität seiner ästhetischen Imagination prägten auch seinen Führungsstil als Rektor. Beide miteinander zu erleben - Lehrer und Schüler, beide längst angesehene Rektoren -, wie sie einander vertraut und zugleich fremd, sich herausfordernd und zugleich respektvoll anerkennend begegneten, war ein Geschenk, noch heute eine kostbare Erinnerung, lehrreich und zutiefst menschlich. Auf die journalistische Frage: Würden Sie für einen angenehmen Klang eine Idee opfern? Antwortete Bertold einst unmissverständlich: Das würde ich nicht tun. In diese Antwort würden wohl auch Helmut Lachenmann und Jürgen Weimer einstimmen.

Seine Kindheit erlebt Bertold Hummel zunächst im Schwarzwald, mit Beginn der Schulzeit in dem weltoffenen Freiburg im Breisgau. In der Familie wird viel musiziert, diskutiert, das politische Geschehen durchaus kritisch betrachtet. Bertold ist 13 Jahre alt, als der zweite Weltkrieg ausbricht. Klaus Hinrich Stahmer schreibt in seinen Notizen zu Bertold Hummel (In ‚Komponisten in Bayern‘):

„…Persönliche Beeinträchtigungen muss der angehende Musiker hinnehmen, als seine langjährige Mitwirkung in der Hausmusik bei einer angesehenen jüdischen Familie in Freiburg denunziert wird. Mit achtzehn Jahren wird er zum "Reichsarbeitsdienst" und, sechs Monate später zum Militärdienst eingezogen…“ 

Man bedenke, wir sprechen von 1943, zu diesem Zeitpunkt tobt der Krieg bereits seit vier Jahren, Deutschland längst auf verlorenem Posten. Weiters: „Spät in französische Kriegsgefangenschaft geraten, sieht er erste Chancen, doch noch Musik zu machen und hilft aktiv mit, eine Lager-Kapelle, bestehend aus Streichquartett, Holzbläsern, Posaune, Trompete, Saxophon, Akkordeon, Klavier und Schlagzeug zu gründen. Hier erklingen sein erstes Streichquartett und in seiner Instrumentation populäre Werke von Wagners "Grals-Erzählung" über klassische Ouvertüren bis hin zur Unterhaltungsmusik. Den fehlenden Kontrabass bauen Mitgefangene nach seinen Angaben in der Lagerschreinerei, und, oh Wunder: er "klingt"! _ Nach fünf abenteuerlichen Fluchtversuchen gelingt es ihm im Jahre 1947, über Belgien und Luxemburg wieder in heimatliche Gefilde zu gelangen, um zunächst die schulische Ausbildung in einem Heimkehrerkurs an der Universität Freiburg mit dem Abitur zu beenden.“ Diesen Textabschnitt, liebe Festgemeinde teile ich mit Ihnen, da er so vieles über die Persönlichkeit unseres Jubilars erzählt: von seinem herausragenden Überlebenswillen, von Gottvertrauen und dem unbedingten Wunsch nach Musik und Musizieren, sogar im einem Gefangenen-Lager. Ein Schwarzweiß-Foto aus dieser Zeit zeigt Bertold Hummel am Cello sitzend neben acht Kameraden von der Lager-Kapelle „Erich Horn“. Sie tragen alle Lageruniformen, im Hintergrund sieht man eine Holzbarracke, eine Art Stadl.

Bertold Hummel kommt 1947 in ein Freiburg zurück, das als eine der ersten Maßnahmen nach dem zweiten Weltkrieg, schon im Jahre 1946 eine Musikhochschule gründet. Die Atmosphäre dieser Zeit können wir uns heute nur noch annäherungsweise vorstellen. Bertold Hummel spricht von einer "Nachholeuphorie der Heimkehrer-Generation". Freiburg liegt in der französischen Besatzungszone, so erlebt der Heimkehrer und Musiker Ausstellungen von Chagall, Braque, Léger, Picasso und Rouault, aber auch eine Aufführung von Olivier Messiaens Quatuor pour la fin du temps. Die Jahre des Studiums, er belegt Cello bei Atis Teichmanis, Kammermusik bei Emil Seiler, Dirigieren bei Konrad Lechner und Komposition bei Harald Genzmer werden prägend für sein ganzes Leben. Er taucht ein in das musikalische Universum der zweiten Wiener Schule, begegnet der Musik von Igor Strawinsky ebenso wie dem musikalisch-ästhetischen Universum von Luigi Nono und verbindet diese Erfahrungen mit seiner großen Passion für die abendländische Tradition der Kirchenmusik. 1981 fasst Bertold Hummel dies wie folgt zu einem großen ästhetischen Credo zusammen: 

Ich fühle mich in meinem Denken A. Berg und O. Messiaen verwandt. Auch das "cantus firmus"-Denken von P. Hindemith und meines Lehrers H. Genzmer sowie deren spontane Musizierfreude haben mich immer wieder beeindruckt. An meinem Lehrer Julius Weismann hat mich die impressionistische Klangphantasie sowie der harmonische Reichtum und die formale Vielfalt gefesselt. Ich habe mich nie zu den Avantgardisten gezählt! Zwar habe ich immer mit großem Interesse die experimentellen Versuche meiner Kollegen verfolgt und die eine oder andere Lösung für meine Arbeit nutzbar gemacht. So sehe ich für unsere gegenwärtige Situation die Möglichkeit, die vielfältigen Erkenntnisse geistig aufzuarbeiten - quasi in einer Synthese dessen, was an vielseitigen Anregungen vorliegt. Meine Liebe zur Tradition und zum sinnvollen (subjektiv gesehen) Fortschritt hat immer meine musikalische Sprache geprägt.

Nach seinem Studium tritt Hummel eine Stelle als Kantor in St. Konrad bei Freiburg an, musiziert aber auch regelmäßig als Cellist beim Sinfonieorchester des Südwestfunks Baden-Baden oder bei den städtischen Bühnen in Freiburg. Seine Fähigkeiten als Arrangeur und Komponist werden mehr und mehr gefragt. Schon 1952 findet sich seine „Missa brevis“ op. 5 auf dem Programm bei den Musiktagen Donaueschingen. Beim Streichquartettspiel lernt er Inken kennengelernt, 1955 heiraten sie. Mit der auf Sylt geborenen Violinistin und Pädagogin wird er zeitlebens seine große Leidenschaften teilen und verwirklichen können: Musik und Musizieren, Gemeinschaft und Familie, Gottvertrauen und Zuversicht. In Freiburg werden Florian, Cornelius, Martin und Lorenz, die ersten vier der sechs Söhne geboren.

1963 folgt Bertold Hummel einem Ruf als Kompositionslehrer an das Bayerische Staatskonservatorium der Musik nach Würzburg, wo er und seine Familie eine neue Heimat finden. In den folgenden zehn Jahren bis zur Umwandlung des Staatskonservatoriums in die zweite bayerische Musikhochschule leistet Hummel wahre Pionierarbeit. Er verschafft der Neuen Musik den notwendigen Raum sich zu entfalten, ermöglicht Begegnung und Erfahrung: Er lädt die Kollegen Korn, Genzmer oder Hába nach Würzburg, ebenso Karlheinz Wolfgang Rihm, Peter Eötvös und Helmut Lachenmann. 25 Jahre wird er das Studio für Neue Musik leiten.

Drückende Raumprobleme werden 1966 durch einen Neubau in der Hofstallstraße mit Unterrichts- und Konzerttrakt gelöst. Damit hat das Musikleben Würzburgs wieder ein Zentrum, das vom Konservatorium und seinem Förderverein getragen, für Konzerte mit hochrangigen Künstlern sorgte. Der neue Konzertsaal wird mit der 2. Sinfonie ‚Reverenza‘ von Bertold Hummel eingeweiht. 1968 ermöglicht ihm ein Stipendium einen halbjährlichen Aufenthalt in der Cité des Arts in Paris, die heuer ihr 60jähriges Bestehen feiert und inzwischen über 300 Residencies jährlich bereitstellt. Bereichert und inspiriert kehrt Hummel nach Würzburg zurück, wo die Institution1973 nach kurzer Übergangszeit als Fachakademie für Musik zur Aufstufung als bayerische Musikhochschule aufgewertet wird. Bertold Hummel wird ordentlicher Professor und Leiter einer Kompositionsklasse. Als 1979 Hanns Reinarzt aus der Hochschulleitung ausscheidet, übernimmt sein Stellvertreter Bertold Hummel das Amt des Präsidenten. Mit gleichem Engagement widmet er sich fortan seiner Kompositionsklasse und der Entwicklung der Musikhochschule. Mit Esprit, Weltoffenheit und Mut zur Vielfalt trägt er maßgeblich zum Gedeihen des Hauses bei. Für ihn bilden Kunst und Pädagogik keine zwei Lager, im Gegenteil: musikalische Bildung bedeutet lebenslanges Lernen, für einen Künstler etwas so Selbstverständliches, dass man es kaum erwähnenswert erscheint. Ein Precollege-Ensemble weiß ebenso wertzuschätzenden wie die Weltstars der großen Bühnen. Die wirkliche Begegnung findet in und durch Musik statt. Erfolgreiche Komponisten wie Jeff Beer, Ulrich Schultheiß, Claus Kühnl, Klaus Ospald, Jürgen Schmitt, Rolf Rudin, Horst Lohse, Jürgen Weimer, Hermann Beyer, Christoph Weinhart, Armin Fuchs, Tobias M. Schneid und Christoph Wünsch, der gegenwärtige Präsident dieses Hauses bilden eine beeindruckende Galerie und lassen aufhorchen. Bertold Hummel ist ihnen allen Mentor, Ermöglicher und Förderer, Wegbegleiter und kritischer Freund. 

1987 übergibt Bertold Hummel das Amt des Präsidenten an seinen Nachfolger, um sich fortan ganz dem Komponieren widmen zu können. Die Musikhochschule Würzburg ernennt ihn in Anerkennung seiner Verdienste und mit großer Wertschätzung zum Ehrenpräsidenten. Hummel befindet sich auf dem Zenit seines Wirkens: schon 1982 wird er als Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste  aufgenommen, 1985 folgt das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse, 1988 der Kulturpreis der Stadt Würzburg. Weitere Auszeichnungen werden folgen.

Aus Anlass der 1300-Jahrfeier von Mission und Martyrium der Frankenapostel im Würzburger Dom komponiert Bertold Hummel das Oratorium "Der Schrein der Märtyrer" nach einem Text des Bischofs Paul Werner Scheele. Ein abendfüllendes atemberaubendes Werk für fünf Solisten, gemischten Chor, Knabenchor, Sprecher, drei Orgeln, Schlagzeugensemble und großes Orchester, das 1989 fertiggestellt und uraufgeführt wird.

Ich durfte Bertold Hummel als einen feinsinnigen, stets neugierigen und der Welt mit einem Lächeln begegnenden Menschen erleben. Eine tänzerische Leichtigkeit umgab ihn und er erweckte mitunter den Eindruck des steten Unterwegsseins. Er pflegte eine herzliche Freundschaft mit seinem Namensvetter Franz Hummel, beide sind aber keinesfalls miteinander verwandt. Im Auftrag der Kammeroper Regensburg verfasste ich für Franz Hummel das Libretto zu An der schönen blauen Donau nach einem Textfragment von Ödon von Horvath (Die Lehrerin von Regensburg, eine wahre Geschichte). Bertold bewegte das Schicksal von Elly Maldaque, einer jungen beliebten, alleinstehenden Lehrerin, die tapfer und mutig für ihre Überzeugungen einstand, gegen eine in den 1920iger Jahren sich zunehmend radikalisierende Gesellschaft. Wegen ihrer politischen Einstellung und möglicherweise aufgrund von Denunziation eines Verehrers, dessen Avancen sie zurückwies, wird sie 1930 fristlos aus dem Staatsdienst entlassen und in eine Nervenheilanstalt eingewiesen. Wenig später stirbt sie dort an Herzversagen. Die Kammeroper wurde in Klagenfurt uraufgeführt und in Regensburg gespielt. Mit Franz Hummel waren wir uns schnell einig: Diese Kammeroper widmen wir Bertold Hummel. Erlauben Sie mir einen kurzen Ausflug in die Gegenwart – mit Sicherheit hätte Bertold Hummel am heutigen Aktionstag der deutschen Musikhochschulen gegen Machtmissbrauch engagiert mitgewirkt. Die Musikhochschule Würzburg hat, vielleicht in Anlehnung an die Widerstandsbewegung persischer Frauen, ihrem Tag heute den eindrücklichen Titel gegeben: Kunst.Macht.Menschlichkeit.

Als Komponist fühle ich mich der Gemeinschaft, in der ich lebe, verpflichtet. Mein Bestreben ist es, einen bescheidenen Beitrag zu leisten bei dem Bemühen, die Welt humaner und lebenswerter zu gestalten. Das Dreieck - Komponist - Interpret- Hörer ist für mich eine stete Herausforderung: Ein l'art pour l'art - Standpunkt ist mir immer fremd gewesen.

110901 – Ideen für die Zukunft so der Titel einer Komposition für Schlagzeug solo und Sprecher ad libitum, geschrieben nach dem „Schwarzen Dienstag“, der in die Geschichte als nineleven einging. Das obige Zitat findet sich in der Verlagsankündigung des Werkes. Komponist-Interpret-Hörer, dieses gedachte Dreieck (idealerweise ein gleichschenkeliges) hat Bertold über viele Jahre gedanklich beschäftigt. Komponist-Interpret-Hörer als gleichberechtige Mitwirkende im Entstehen von Musik. Man kann dies Bild als Stationen lesen, aber auch als offenes Feld. Der Hörer, der den Komponisten sucht, dessen Werk ihn fasziniert und in ihm weiterlebt; der Komponist, der für einen Interpreten schreibt, dessen Musizierkunst ihm Inspiration bedeutet und von dem er lernen will; der Interpret, der ein besonderes Publikum adressiert oder einen Kompositionsauftrag vergibt und so weiter….. Je mehr ich mich in dieses Bild vertiefe und es auszuleuchten versuche, desto mehr wird mir dessen Dynamik und Entwicklungspotential bewusst. Bertold Hummel hat sich diesem Dreieck als Herausforderung gestellt. Fragen nach Verantwortung, Beziehung, Bedeutung, Gemeinschaft in dieser Welt – füreinander - und über diese Welt hinaus bilden den Motor unseres Handelns und Denkens – und eben dies führt uns erneut ins Hier und Jetzt: Kunst.Macht.Menschlichkeit. 

Vielleicht zwei Jahre vor seinem endgültigen Abschied aus dieser Welt, ergab es sich, dass Bertold Hummel und ich zu einem längeren Spaziergang zusammenfanden. Wir sprachen über das Leben und die Lebenszeit als Form, vielleicht sogar als musikalische Form und über unser mögliches Gespür für diese Form. Er meinte dann, er wisse genau, dass der Bogen seines Lebens sich bereits neige, dieses Wissen bereite ihm aber keine Sorge. Es sei letztlich alles gut.

Danke, lieber Bertold Hummel.

Salzburg, im November 2025

Prof. Bertold Hummel zum Gedächtnis (1925-2002)

Ein Nachruf

Dr. Thomas Daniel Schlee

Am 9. August 2002 ist in Würzburg unser lieber Freund, der Komponist und Vorsitzende des Musikbeirats der Guardini Stiftung, Bertold Hummel, gestorben. Als ihm am 13. Juni 1998 in der Mainzer Staatskanzlei aus den Händen von Bischof Karl Lehmann der Kunst- und Kulturpreis der Deutschen Katholiken überreicht wurde (zusammen mit Petr Eben), formulierte ich in meiner Laudatio:

"Was für ein Glück, wenn man über einen Künstler reden darf, den man gleichermaßen liebt und verehrt, dessen persönliche Aura einen ebenso berührt hat wie sein Werk! Welches Vergnügen auch, eine Laudatio auf einen Komponisten zu halten, der sein Leben lang unabhängig war von Cliquen, von Gruppen also, die im Zuge des harten Verteilungsgerangels, sagt man, auch auf Preisvergaben (samt deren medialer Beurteilung) Einfluß haben sollen... Wir ehren heute also einen freien Künstler; und dennoch ist das Dienende ein wesentliches Merkmal seiner Arbeit.

Bertold Hummel, geboren am 27. November 1925 im badischen Hüfingen, war in Freiburg im Breisgau Student von Harald Genzmer, von dem er heute noch mit großer Zuneigung spricht. Aha, werden die ‚Eingeweihten' blitzschnell schließen: Hindemith in der dritten Generation also. Francis Poulenc hätte darauf erwidert: ‚Das ist doch immerhin schon etwas'; aber es genügt eben bei weitem nicht, um den Ambitus des Hummelschen Oeuvres zu beschreiben.

1997 wurde seine dritte Symphonie op. 100, ‚Jeremia' (inspiriert vom Roman Franz Werfels), uraufgeführt. Hummel gab mir die sogleich erschienene CD mit der in ihrem Mangel an Insistenz so charakteristischen Bemerkung: ‚Na, vielleicht haben Sie Zeit, sie sich anzuhören.' Entsprechend unvorbereitet trafen mich die Wucht und Tiefe der Klänge dieses großen, bedeutenden Werkes. Was für Farben in Harmonik und Orchester! Welche Dichte der Form und gleichzeitig: welche Klarheit, Deutlichkeit der Klangrede! Ähnliches ist über Hummels abendfüllendes Oratorium ‚Der Schrein der Märtyrer' für Solisten, zwei Chöre, Sprecher, drei Orgeln, Schlagzeuggruppe und Orchester zu sagen, das 1988 entstanden ist. Mir scheint dieses Werk ein dreifaches klingendes Portrait zu sein: Einerseits faßt es die so vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten des Komponisten in überaus glücklicher Weise zusammen, zum anderen ist es eine Hommage an Hummels langjährige Wirkungsstätte Würzburg, und nicht zuletzt ist hier ein anspruchsvolles Kunstwerk in den Dienst einer geistlichen Botschaft gestellt, die für diesen Künstler seit jeher eine Angelegenheit des Herzens und seiner Kultur ist.

Dies ist ein wesentlicher Punkt: Aus Bertold Hummels umfangreichem Schaffen - natürlich aus seinen liturgischen Kompositionen, aber eben auch aus seiner Instrumental- und Orchestermusik - leuchtet immer wieder seine Religio, seine Bindung an den Geist hervor. So wie bei Hummel die spirituelle Aussage sich in an sich für den Konzertsaal bestimmten, also kunstvollen Werken findet, so fordert er umgekehrt eine solche künstlerische Qualität auch von liturgischer Musik. Seine Vorstellungen hierzu hat er schon 1979 mit Nachdruck in seinem bemerkenswerten Vortrag ‚Zur Situation der Musik in der Kirche heute' formuliert.

Doch zurück zum wachen, sensiblen Musiker Bertold Hummel, der immer auf der Suche nach neuen Klangkombinationen ist: Ich denke etwa an sein subtiles Trio für Flöte, Oboe und Klavier ‚In memoriam Olivier Messiaen' - für mich das Bindeglied von den geistlich inspirierten zu den zahlreichen Werken des Komponisten, die gleichsam aus einem ‚autonomen' Kunstwollen gebildet wurden. Hier wäre eine Fülle von konzertanten und kammermusikalischen Werken zu nennen, nicht zuletzt auch bislang rund zwanzig Stücke für und mit Schlagzeug, die dazu beigetragen haben, ihren Autor international zu beneidenswerten (und in der Tat beneideten) Aufführungszahlen zu führen.

Ich sprach vom ‚autonomen Kunstwollen, aber ich korrigiere mich sogleich wieder: Es genügt, den gütigen und humorvollen Blick Bertold Hummels einmal gestreift zu haben, um zu erkennen, daß für ihn das Schreiben von Musik immer auch ein Akt der Mitmenschlichkeit ist, den Zeitgenossen und den Nachgeborenen etwas zu geben, das ihren Anteil an der Schönheit mehrt. Alle, die Bertold Hummel kennen, wissen, mit weich diskreter Hingabe er seinen jungen Kollegen hilft und mit welch staunenswerter Neugierde er - nunmehr Ehrenpräsident der Würzburger Hochschule und Mitglied der Bayerischen Akademie der schönen Künste - nach wie vor die Begegnung mit dem Neuen sucht."

Es fällt mir schwer, sehr schwer, bei jedem Verbum, das in diesem Text im Präsens steht, daran erinnert zu werden, daß diese Gegenwart nun in dieser Form nicht mehr zutrifft. Bertold Hummels Tod kam rasch, er traf uns völlig unvorbereitet. Noch im April des vergangenen Jahres sah man ihn auf Schloß Hirschberg, großmütig und wohlwollend die Begegnung der deutschen Bischöfe mit einer Palette von Erzeugnissen der musikalischen Avantgarde beobachtend, aus seinem souveränen Vermögen der Unterscheidung den anderen gegenüber nicht viel Aufhebens machend. Wenn ich geahnt hätte, daß es unsere letzte Begegnung sein sollte, wie vieles hätte ich da zur Sprache bringen müssen! Und wie gerne hätte ich oft noch seinen Blick gesucht, aus dem stets soviel Zuversicht leuchtete.

Bertold Hummel hat nicht nur als Künstler, sondern auch als Lehrer viel Gutes gewirkt. 1963 wurde er als Kompositionslehrer an das damalige Staatskonservatorium in Würzburg berufen und nach dessen Umwandlung in die zweite Bayerische Musikhochschule zum Professor ernannt. Acht Jahre lang (1979-1987) übernahm er auch das Amt des Präsidenten. Zeit seines Lebens setzte er sich für zeitgenössische Musik ein: Er leitete das Studio für Neue Musik Würzburg, rief die "Würzburger Tage für Neue Musik" ins Leben und arbeitete mehr als 25 Jahre lang ehrenamtlich in der Urheberrechtsgesellschaft für Komponisten, der GEMA. Für seine Werke und Verdienste wurde Bertold Hummel vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Kompositionspreis der Stadt Stuttgart (1960), dem Robert Schumann-Preis der Stadt Düsseldorf (1961), dem Bundesverdienstkreuz Erster Klasse (1985), dem Kulturpreis der Stadt Würzburg (1988) sowie zuletzt mit dem bereits erwähnten Kunst- und Kulturpreis der Deutschen Katholiken.

Am Tag vor seinem Ableben, im Sprital, wissend um das sehr nahe Ende, hat Bertold Hummel noch ein tief bewegendes Stück für Violoncello solo skizziert; er hat es als einen im eigentlichen Sinne “letzten Gruß”: eben als "Abschied" (so der Titel des Werkes), dem scheidenden Geschäftsführer der Guardini Stiftung, Dr. Hermann Josef Schuster, zugeeignet. Auch hier zeigt sich die Größe dieses Mannes, sogar einen solchen Moment existentieller Zuspitzung zum Geschenk zu wandeln.

Bertold Hummel, unser lieber Freund, fehlt uns sehr...

(Guardini-Stiftung e.V. - Jahresbericht 2002, Berlin)
 

Zum Gedenken an Bertold Hummel

Karl Heinz Wahren

Zuletzt sahen wir uns im Juli in Berlin anlässlich der Sitzungswoche für den GEMA-Wertungsausschuss Ernste Musik. Bei der Begrüßung schien er mir äußerlich ein wenig verändert, im Gesicht schmaler, asthenischer als im Jahr zuvor. Das mochten die vorübergehenden Folgen beruflicher Überanstrengung sein. Ich beachtete es nicht weiter, denn in den ersten Tagen der umfangreichen und nervenaufreibenden Begutachtungsarbeit beteiligte er sich an unserem Diskurs lebhaft und dabei treffsicher wie immer. Erst am dritten Tag klagte er über Unwohlsein und fuhr schließlich vorzeitig zurück nach Würzburg.

Die Lebendigkeit des Augenblicks verdrängt Gedanken an eine vielleicht letzte Begegnung, erst recht bei einem verehrten, liebenswerten Kollegen und Freund. So traf mich die Nachricht von seinem Tod nur vier Wochen später ganz unvorbereitet und schmerzvoll.

Wir kannten uns bereits seit 1971. In diesem Jahr hatte er als Leiter des Studios für Neue Musik Würzburg unsere seit 1965 in Westberlin erfolgreiche "Gruppe Neue Musik Berlin" zu einem Konzert eingeladen. Später entwickelte sich daraus eine kollegiale Freundschaft, die sich durch das Treffen bei den jährlichen GEMA-Versammlungen, durch gelegentliche gemeinsame Konzertaufführungen und die sich anschließenden Gespräche im Verlaufe der Zeit spürbar vertiefte.

Von Anfang an beeindruckte mich Bertold Hummels Verhalten seinen Mitmenschen gegenüber, das ich Wohlwollen nennen möchte. Bei keinem anderen gebildeten Menschen habe ich diesen Wesenszug so deutlich ausgeprägt erlebt. Es ist die Fähigkeit des Verstehens anderer und damit die Begabung, Lebensermunterung zu vermitteln. Nicht in naiver, unkritischer Manier. Denn Hummel war als gläubiger Christ ein ausgeglichener und urteilsfähiger, aber auch zu den notwendigen Auseinandersetzungen stets bereiter Geist.

Doch die menschenfreundliche Seite seines Charakters, das Verständnis für Andersdenkende, Andershandelnde, sein Sinn für Übereinstimmung trotz gegenpoliger Positionen - es klingt wie die Quadratur des Kreises - waren ungewöhnlich. Dabei konnte er streng sein, vor allem wenn es um künstlerische Unaufrichtigkeit, Kollegenverachtung oder strapazierende Eitelkeiten ging.

"Als Komponist fühle ich mich der Gemeinschaft, in der ich lebe, verpflichtet. Mein Bestreben ist es, einen bescheidenen Beitrag zu leisten bei dem Bemühen, die Welt humaner und lebenswerter zu gestalten." So ein Credo Bertold Hummels, der 1925 nahe Donaueschingen geboren wurde. Seine badischen Vorfahren väterlicher- und mütterlicherseits waren Handwerker, sein Vater jedoch wurde Lehrer, Chorleiter und Organist. Er führte den aufnahmefähigen und interessierten Sohn schon früh zur Musik hin. Etwas später als Rektor in der Nähe von Freiburg im Breisgau erteilte er dem Sohn Klavierunterricht. Dessen besondere musikalische Begabung wird auf der Oberrealschule in Freiburg durch Violoncello-, Harmonielehre- und Kompositionsunterricht gezielt gefördert. Als der Schüler bei einem Sinfoniekonzert die "Dritte" Bruckners hört, ist er entschlossen, Komponist zu werden. Die Mitwirkung im Knabenchor bei Parsifal-Aufführungen des Freiburger Stadttheaters festigt dieses Vorhaben. Mit Anton Bruckner und Richard Wagner wählte er sich zwei langzeitige Vorbilder für seine berufliche Zielgerade. Aber zunächst musste er den Forderungen der nationalsozialistischen Diktatur folgend zur vormilitärischen Erziehung die erdbraune Uniform des Reichsarbeitsdienstes anziehen, um dann schon sechs Monate später - nun in olivgrüner Wehrmachtsmontur - in den Zweiten Weltkrieg zu marschieren. Diese Stahlgewitter überstand er körperlich unbeschadet; noch in der französischen Kriegsgefangenschaft beginnt er nach der deutschen Kapitulation 1945, Kompositionen für eine Gefangenen-Lagerkapelle zu schreiben. 1947 sieht er seine Heimat wieder, kann die kurz vor Kriegsbeginn unterbrochene schulische Ausbildung fortsetzen und mit dem Abitur abschließen. Anschließend begann er sofort an der Freiburger Musikhochschule mit seinem Studium, u. a. Komposition bei Harald Genzmer, sein Violoncellolehrer war Atis Teichmanis und Dirigieren studierte er bei Konrad Lechner. Hummel erinnert sich an diese Nachkriegsepoche der späten vierziger Jahre als eine Zeit der "Nachhol-Euphorie der Heimkehrer-Generation".

Mit einer Gruppe junger Musiker trat er als Cellist 1954 eine fast einjährige Konzerttournee durch die Südafrikanische Union an. Dort heiratete er auch seine Kollegin, die Geigerin Inken Steffen. Nach der Rückkehr übernimmt Hummel zunächst in Freiburg eine Stelle als Kantor, tritt weiterhin auch als Cellist auf, unter anderem als ständige Aushilfe beim Sinfonieorchester des Südwestfunks Baden-Baden. Seine Kompositionsarbeit findet inzwischen durch zahlreiche Preise Anerkennung, dem Kulturpreis des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (1956), dem Kompositionspreis der Stadt Stuttgart (1959) und dem Robert-Schumann-Preis der Stadt Düsseldorf (1960). Seine Berufung als Kompositionslehrer an das Bayerische Staatskonservatorium der Musik Würzburg erfolgt 1963. Hier setzt er sich über zweieinhalb Jahrzehnte intensiv für die zeitgenössische Musik ein.

Nachdem Hummel die Leitung des "Studios für Neue Musik" übertragen wurde, stellte er in seinen Konzerten Werke zahlreicher junger Komponisten vor, von denen einige Namen inzwischen bundesweit dem einschlägig interessierten Publikum zu einem Begriff wurden. Hummels Weltläufigkeit gestattete es ihm, scheinbar unvereinbare ästhetische Richtungen in seinen Programmen zusammenzuführen und so die Bandbreite des kompositorischen Schaffens im letzten Viertel des ausgehenden 20. Jahrhunderts öffentlich zur Diskussion zu stellen. Seine Flexibilität im Verständnis für stilistische Gegensätze wusste er mit psychologischem Gespür auch seinen Studenten anzutragen, um ihre geistige Regsamkeit, um die Rezeptivität ihrer Sinne zu wecken und dadurch deren Imaginationen anzuregen.

Das eigene Ideal setzt Maßstäbe, und Hummels Ziel war stets, seinen musikalischen Wahrnehmungshorizont zu erweitern, ohne sich selbst untreu zu werden. Das heißt, ihm war es inzwischen gelungen, einen erkennbaren eigenen kompositorischen Stil zu finden. Der hatte sich ursprünglich im Neoklassizismus seines Lehrers Harald Genzmer - und wiederum dessen Lehrers Paul Hindemith - begründet. Inzwischen davon längst gelöst, hatte er durch den Einfluss der französischen Schulen des frühen 20. Jahrhunderts, indirekt auch der Neuen Wiener Schule, zu einer eigenen musikalischen Aussage gefunden. Deutlich hörbar sind Hummels Inspirationen durch den französischen Komponisten Oliver Messiaen geprägt, dessen Klangfarbenkonzeptionen in Hummels Kompositionen eigene Umsetzungen erfahren.

Der Komponist Hummel musste freilich immer auf den Hochschullehrer Rücksicht nehmen. Denn 1973 war das Bayerische Staatskonservatorium Würzburg zur zweiten Bayerischen Musikhochschule umgewandelt und Bertold Hummel zum ordentlichen Professor ernannt worden. 1979 schließlich wurde er zum Präsidenten dieser Hochschule gewählt, nach seinem Ausscheiden 1988 zum Ehrenpräsidenten ernannt. Zuvor war er 1982 zum Mitglied der Bayerischen Akademie der schönen Künste gewählt worden, man ehrte ihn 1985 mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse und die Stadt Würzburg 1988 mit ihrem Kulturpreis.

In den vergangenen anderthalb Jahrzehnten von der Last des zeitraubenden Hochschulamtes befreit, komponierte Hummel unermüdlich und inspiriert, dabei immer auf der Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten, die er dann seinem ganz eigenen musikalischen Personalstil zuordnete. "Meine Auffassung ist jetzt, am Ende dieses Millenniums, dass nach einem Jahrhundert, in dem das Experiment eine große Rolle gespielt hat, die Sehnsucht nach einer neuen Sprachfindung weltweit an Raum gewinnt. Gegen die Orthodoxie der jeweiligen "Richtung" wird sich meines Erachtens eine neue Ästhetik der pluralen Möglichkeiten durchsetzen."

Um an den zahlreichen internationalen Aufführungen seiner Werke als Hörer teilnehmen zu können, bereiste Hummel in den vergangenen Jahren zahlreiche Länder, darunter die USA, Russland, Australien, Frankreich, Österreich, die Schweiz, Polen und Tschechien. Auf dem Label Conventus Musicus wurde eine interessante Auswahl seiner Kompositionen als CD-Edition veröffentlicht.

Seine kompositorische Ehrlichkeit ist seinem Fleiß gleichzustellen. Sein über 200 Werke umfassendes Œuvre hinderte ihn nicht, auch in der uns Komponisten eigenen Urheberrechtsgesellschaft, der GEMA, ehrenamtlich mitzuarbeiten. Über 25 Jahre gehörte er dem außerordentlich wichtigen Gremium Wertungsausschuss als eines seiner verantwortungsvollsten Mitglieder an. Auch seine Studenten belehrte er über die für Komponisten lebensnotwendige Wichtigkeit des Urheberrechts, veranlasste sie, die GEMA-Jahresversammlung zu besuchen und war stets bei Aussprachen zur Stelle, wenn es um die Belange der Ernsten Musik ging. Trotzdem blieb er zeitlebens zurückhaltend, trat nie mit Aufwand ins Rampenlicht und repräsentierte lediglich dort, wo es sich nicht vermeiden ließ. Den manchen Komponisten eigenen Überwertigkeitskomplex, als Kompensation für den im 19. Jahrhundert aufgeblühten und im 20. Jahrhundert zunehmend gesellschaftlich verloren gegangenen Geniekult, benötigte seine innere Ausgeglichenheit nicht.

Seine Familie, die lebenslang gehaltene Gemeinschaft mit seiner Frau, die verheirateten sechs Söhne - von denen fünf Berufsmusiker wurden und vier Schwiegertöchter ebenfalls -, dazu 17 Enkelkinder gaben ihm offenbar Halt und jene Gelassenheit, die er bei schwierigen "Diskussionen", z. B. um GEMA-Probleme, stets bis zuletzt ausstrahlte.

Sein kompositorisches Lebenswerk zieht Spuren durch fast alle musikalischen Genres und Besetzungen. Er setzte sich mit den neuen Kompositionstechniken des 20. Jahrhunderts auseinander, mit der 12-Ton-Musik ebenso wie den seriellen Techniken, dem Jazz oder den Möglichkeiten der elektro-akustischen Musik. Die Entdeckung der Perkussion für unsere abendliche Musik nutzte er so erfolgreich wie die Klangfarbe des Saxofons. Besonders aber die zeitgenössische Sakralmusik fand in ihm einen seiner wichtigsten, säkularisierten Vertreter. Auf die Frage nach einer Charakterisierung seines Kompositionsstils antwortete er: "Ich würde ihn benennen als einen Stil der Metamorphose all dessen, was mich aus dem musikalischen Weltrepertoire von Vergangenheit und Gegenwart besonders beeindruckt; gepaart mit einem starken persönlichen Ausdruckswillen - quasi als einen schöpferischen Eklektizismus." 

Wir trauen gleichermaßen um den Komponisten und Pädagogen, vor allem aber um den liebenswerten Kollegen und Menschen Bertold Hummel.

(aus: Gemanachrichten NR: 166 3/2002, Berlin)

in memoriam Bertold Hummel

Ein Nachruf

Michael Wernicke OSA

Zuerst lernte ich die Söhne kennen: Mit den Jüngsten, den Zwillingen, die damals, wie sie mir voll Stolz erzählten, acht Jahre alt waren, ging ich manchmal spazieren. "Meine Terroristen", nannte sie liebevoll der Vater, denn es waren wilde Knaben, voll von originellen Einfällen. Gern hörte Herr Hummel, wenn ich erzählte, wie ich den beiden ein Eis spendierte. Den Kumpel, der sie begleitete, fragte ich, ob er auch ein Eis wollte. "Nein", sagte der. Auf meine erstaunte Frage, warum denn nicht, beschied er mich, dass er evangelisch sei. Auf Herrn Hummels Wunsch musste ich die Story öfter wiederholen, immer dann, wenn in der Gesellschaft jemand war, der sie noch nicht kannte.
Herr Hummel liebte Anekdoten und war selbst ein großartiger Erzähler. In der Landvolkshochschule Wies bei Steingaden sprach er von einem Aufenthalt in den Vereinigten Staaten. Er sei eingeladen gewesen, um amerikanische Musikstudenten zu unterrichten und seine Werke mit ihnen aufzuführen. Als er ein Musikstück mit ihnen einübte und sah, dass sie aufgeregt waren, weil der Komponist selbst als Dirigent vor ihnen stand, sagte er tröstend und ermutigend "Habt keine Angst! What comes, comes, what not comes, comes not." Das war very german English, und Herr Hummel wusste es, als er dieses Erlebnis schilderte. Er konnte über sich selbst schmunzeln, was das Kennzeichen echten Humor ist. Als er diese Geschichte erzählte, musste ich zwar lauthals darüber lachen, gleichzeitig dämmerte mir, dass Bertold Hummel ein berühmter Mann war, weltberühmt. Und hier waren wir in der Wies mit einer Menge junger Leute, die Musik machen wollten, Amateure zum größten Teil. Herr Hummel, Professor und Präsident der Würzburger Musikhochschule, weithin bekannter Komponist, war sich nicht zu schade, mit Kindern und Jugendlichen ein Orchester zu bilden, eine Woche lang mit ihnen zu üben, und sie hin und wieder vor den anderen Teilnehmern ein Stück spielen zu lassen. "Ablass" nannte er das; denn es drängte die jungen Leute, vor anderen abzulassen, was sie mühsam einstudiert hatten. Gegen Ende der Woche kam dann der große Ablass: Ein öffentliches Konzert in der Wieskirche, bei dem ich, der ich von eingeschränkter Musikalität bin, die aufzuführenden Werke ansagen durfte. Aber ich feierte mit den jungen und alten Musikanten auch Gottesdienste, denn diese Wies-Veranstaltung war katholisch, initiiert und organisiert vom Jugendhaus Düsseldorf.

Wenn ich schon beim Gottesdienst bin: Gern hat die ganze Familie Hummel unter Vaters Leitung in der Kirche des hl. Bruno zur Christmette musiziert. Erst machten alle mit: Frau und Kinder, die Söhne heirateten, gingen anderswo ihrem Beruf nach. Das Familienensemble wurde immer kleiner. Es war wie eine gestreckte Abschiedssinfonie. Musik und Gottesdienst also. Wenn ich sagen wollte, dass dies die zwei Pole waren, um die Bertold Hummels Leben kreiste, wäre das falsch und doch wieder nicht falsch. Ich würde mich jedenfalls einer groben Unaufmerksamkeit schuldig machen, wenn ich vergäße, dass der Ehefrau, den Söhnen, den Schwiegertöchtern, den zahlreichen Enkeln ein geräumiger Platz in Bertold Hummels großem Herzen eingeräumt war. Musik und Gottesdienst - die mochte er wohl kaum trennen. Sinn der Schöpfung war ihm, so berichtete der Bischof beim Requiem, das Lob Gottes. Das stumme Lob der leblosen Kreatur, das rauschende Lob der Bäume, das brüllende, krähende, singende, blökende Lob der Tiere, das jubelnde, demütige, trauernde Lob des Menschen, des musizierenden Menschen. Für Bertold Hummel war - ganz im Sinne Jesu - Gotteslob auch Dienst am Menschen. In seinem Arbeitszimmer hing ein Spruch: "Kein Mensch ist für sich alleine da, sondern auch für alle anderen." Er glaubte an die Kraft der Musik, die fröhlich macht, die heilt, die fähig macht, Freude und Leid auszusprechen, die den Menschen Gott loben und ihn so den Sinn des Lebens finden lässt. Und er führte Menschen an die Musik heran. Er tat es humorvoll, heiter und bescheiden. "Wer meint etwas zu sein", so stand es über dem Klavier in seinem Arbeitszimmer, "hat aufgehört, etwas zu werden."

Kurze Zeit vor seinem Tod, schon im Krankenhausbett liegend spielte Bertold Hummel auf einem Keyboard das Adventslied "Wachet auf, ruft uns die Stimme." Erst einstimmig, dann in einem mehrstimmigen Satz. Die zweite Strophe lautet:

Zion hört die Wächter singen.
das Herz tut ihr vor Freude springen,
sie wachet und stehet eilend auf.
Ihr Freund kommt vom Himmel prächtig,
von Gnaden stark, von Wahrheit mächtig;
ihr Licht wird hell. ihr Stern geht auf.
Nun komm, du werte Krön',
Herr Jesu, Gottes Sohn.
Hosianna.
Wir folgen all zum Freudensaal
Und halten mit das Abendmahl.

Herr Hummel starb am 9. August 2002. Er ging, so glaube ich zuversichtlich, ein in den Freudensaal.

(in: St. Bruno Pfarrinfo, Würzburg, September 2002)

Gedenkveranstaltung am 27.11.2002

Martin Hummel

Anläßlich einer Gedenkveranstaltung am 27.11.2002 in der Hochschule für Musik in Würzburg hielt Martin Hummel, der Sohn des Komponisten, folgende Ansprache:

Liebe Anwesende,

die Sie heute zusammengekommen sind, sich an Bertold Hummel zu erinnern.

Für die meisten von Ihnen ist der Name meines Vaters mit seinen Kompositionen verbunden, viele denken gerne an seine Herzlichkeit und seinen Humor zurück, einige haben ihn als Kollege, Mentor oder Freund in glücklicher Erinnerung.

Für unsere Familie ist er aus dem Alltag genommen. Ob es nun die Kinder sind, die in der Schule Großvaters blumengeschmückten Sarg malen oder wir Erwachsenen, die wir - so kurz nach seinem für uns überraschenden Tod - im Alltag immer wieder hinterrücks von tiefer Traurigkeit überfallen werden: wir versuchen uns daran zu gewöhnen, dass wir seine Stimme, seine Bewegungen und Berührungen nicht mehr wahrnehmen können.

In dieser für uns nicht leichten Zeit, wird uns jedoch bewußt, dass wir gegenüber manchen anderen Menschen, die einen solch schweren Verlust verarbeiten müssen, dies in einer großen Gemeinschaft Gleichgesinnter tun dürfen.

Die vielen Menschen, die sich zu seinem eindrucksvollen Requiem im Dom versammelt hatten, die vielen Musiker, die ganz spontan auf uns zukamen und mit ihrer Kunst den Verstorbenen an vielen Orten ehren wollten: Sie helfen uns, dass der Schmerz in Lieder schmilzt - wie es Tagore so schön ausgedrückt hat.

Heute, an seinem 77. Geburtstag sind wir besonders dankbar, dass die Musikhochschule wie selbstverständlich dieses Konzert in memoriam Bertold Hummel veranstaltet. Wir freuen uns, dass so viele Studentinnen und Studenten bereit waren in Gemeinschaft mit den Lehrenden, sich mit seinem Werk zu befassen.

Genau so hat mein Vater Musik verstanden - als eine menschenverbindene Kunst. Musik als Ausdruck der Freundschaft und Zuneigung.

Es hat uns gefreut, dass in den zahlreichen Nachrufen erkannt wurde, dass er sein Komponieren als bescheidenen Beitrag für eine humanere Welt verstanden hatte.

Es gibt kaum eine Komposition die er nicht Jemandem widmete, ob es ein Kind, ein großer Musiker oder der liebe Gott war.

Er wußte für wen er die Stücke schrieb. Als sein Enkelkind Fabian begann Geige zu spielen, komponierte er für ihn ein kleines Violinkonzert - natürlich in der ersten Lage. Als die Berliner Philharmoniker seine "Visionen nach der Apokalyse des Johannes" bestellten, war in den Violinen etwas mehr gefordert.

Wahrscheinlich rümpfte mancher Komponistenkollege über dieses Werkverständnis die Nase. Aber er fühlte sich als ein Teil der Gemeinschaft. "Keiner ist einzig für sich auf der Welt, er ist auch für alle anderen da." Dieser Spruch hängt noch heute über seinem Klavier.

Oft gab es einen konkreten Anlass zu einer Komposition. Ich erinnere mich noch gut, wie er am 4. Dezember 1976 erschrak, als er im Radio die Nachricht vom Tode Benjamin Brittens hörte. Er zog sich zurück und nach ein paar Stunden spielte er uns das eingangs gehörte Adagio am Klavier vor.

Der rapide geistige Zerfall seines lebensbejahenden Freundes Dietrich von Bausznern erschütterte ihn zutiefst und inspirierte ihn unmittelbar zum gehörten "in memoriam".

Das "Ave maria" (in der deutschen Fassung) schrieb er 1993 unter dem Eindruck des Todes seiner Schwester Erika. Ein Jahr vor seinem Tod beschäftigte er sich noch einmal mit der Komposition und hielt die lateinische Version nun für die gelungenere.

Ich meine, man hört in diesem Werk diese geistige Klarheit, mit der es ihm dann auch vergönnt war seinem eigenen Sterben entgegenzugehen.

In seinen letzten Lebensjahren brachte er, ganz entgegen seiner Gewohnheit, Stücke ewig unveröffentlicht zu lassen, diese bei verschiedenen Verlagen unter und revidierte frühere Werke.

Die Herausgabe der "Tastenspiele", die er immer wieder zu Geburtstagen und Taufen der Enkelkinder komponierte und vortrug, nahm er ungewohnt zügig in die Hand.

Texte für einen Liederzyklus nach skurrilen Gedichten von Hermann Hesse, die ich ihm bereits vor Jahren ans Herz legte, komponierte er als letztes Werk.

Bevor ich ihn ins Krankenhaus fuhr, besprach er mit mir letzte Korrekturen. In der Regel immer einverstanden mit meiner vorgeschlagenen Reihenfolge der Lieder, war es ihm diesmal wichtig, dass folgendes Gedicht am Schluß steht:

Belehrung

Mehr oder weniger, mein lieber Knabe,
Sind schließlich alle Menschenworte Schwindel,
Verhältnismäßig sind wir in der Windel
Am ehrlichsten, und später dann im Grabe.
Dann legen wir uns zu den Vätern nieder,
Sind endlich weise und voll kühler Klarheit,
Mit blanken Knochen klappern wir die Wahrheit,
Und mancher lög und lebte lieber wieder.

Diese Ambivalenz des Todes erlebte er in den letzten Tagen deutlich.

Auf der einen Seite: der rasch fortschreitende körperliche Zerfall, den er mit Stoizismus akzeptierte:

Auf die Ankündigung, er werde Blutkonserven bekommen, antwortete er: bitte nicht von einem Schlagersänger.

Auf der anderen Seite: seine geistige am Leben hängende Vitalität:

Zwischen den Untersuchungen nutzte er die Zeit, um Weihnachtslieder für zwei Melodieinstrumente zu setzen und gab noch kurz vor seinem Ende letzte Anweisungen zu einem Skizzenblatt für ein Violoncellosolo.

Wahrscheinlich werden einige seiner Werke noch gespielt werden, wenn wir, die wir ihn gekannt haben, nicht mehr sind.

Dies ist für uns eine schöne Vision.

Als Dank für die Verehrung und Freundschaft, die meinem Vater und seinem Werk gerade hier in diesem Hause immer wieder entgegengebracht wurde, wollen wir der Hochschulbibliothek sein gesamtes gedrucktes Schaffen überlassen (immerhin 185 Bände) und wir wünschen uns, dass auch in Zukunft der ein oder andere die Möglichkeit wahrnimmt, den musikalischen Kosmos dieses Lebenswerkes verstehen zu wollen.

Das letzte Buch in dem mein Vater las, war "Die Reden des Seneca".

Dort hat er folgendes unterstrichen:

Durchmustere die Tage deines Lebens — und du wirst sehen, wie wenige auf deinem Konto verbleiben, die dir selbst gehören ... Wer hingegen richtig lebt, jeden Augenblick nützt und jeden Tag so einrichtet, als wäre er der letzte, der lebt im ewigen Jetzt.

Lehrer in den Künsten und Wissenschaften gibt es genug, leben aber muß man das ganze Dasein hindurch selbst lernen, bis man Meister ist.

Soviele drängen stürmisch vorwärts und leiden an der Sehnsucht nach der Zukunft, am Überdruß der Gegenwart. Du bist geschäftig, dein Leben eilt dahin; inzwischen wird der Tod erscheinen, für den du, ob du willst oder nicht, Zeit haben mußt ...

Das größte Hindernis glücklichen Lebens ist die Erwartung, die vom Morgen abhängt.

Du verlierst den heutigen Tag; was in der Hand des Schicksals liegt, suchst du zu ordnen; was in der deinigen liegt, läßt du fahren. Wie falsch denkst du!

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

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