Sinfonietta für großes Blasorchester (op. 39, 1970)
I. Fanfare, II. Tempo di Valse, III. Intermezzo, IV. Finale concertante
Picc., 2 Fl., 2 Ob., E. H., Klar. in Es, 3 Klar. in B, Baß-Klar., 2 Fag., Kontra-Fag., 2 Alt-Sax. in Es, Tenor-Sax. in B, Bariton-Sax. in Es, 4 Hrn. in F., 3 Cornett in B, 3 Trp. in B, 4 Pos., Tenorhrn., Bariton, 2 Tb., Pk., Schlgz. <3-4> (Pk., Kl. Tr., Gr. Tr., Rührtrommel, Vibra, Xyl., 4 Beck., Beckenpaar, Ratsche, Triangel, Tamtam, Gong, 5 Tempelblock, 3 Tomtom)
Dauer: 18 Minuten
10. Heeresmusikkorps der Bundeswehr Ulm | Simon Dach (Erstfassung ohne Fanfare)
Concert Band der Universität Hohenheim | Patrick Siben (Endfassung mit Fanfare)
Titel: "Sinfonietta" f." gr. Blasorchester (sic.) - Umfang: 67 Seiten - Datierung: 14. April 70 - Aufbewahrungsort: -
Verlag: N. Simrock Hamburg-London (Boosey & Hawkes)
Partitur und Stimmen: ISMN M-2211-1813-4
Partitur: ISMN M-2211-1812-7
Im ersten Satz Fanfare spielt das Quintintervall eine vorherrschende Rolle. Kanon, Verbreiterung (Augmentation) und Verengung (Diminution), begleitet von ostinaten Figuren gliedern diesen kurzen Satz mit seinem Introduktionscharakter.
Im zweiten Satz Tempo di valse gehören Walzer-und Ländlergesten zum Ausgangsmaterial - kurz aufleuchtende Fanfarenklänge erinnern an den ersten Satz. Ähnlich wie bei "La Valse" von Maurice Ravel handelt es sich bei diesem "gestörten" Walzer nicht um einen Gesellschaftstanz, sondern um eine kritische Auseinandersetzung mit dieser Tanzform. Völlig walzerunüblich drängt beispielsweise ein punktierter Rhythmus zu einem überraschenden Schluß.
Der dritte Satz Intermezzo ist der "getragene" Teil des Werkes. Drei Kurzmotive stehen einer ausschwingenden, ausgeterzten Melodie gegenüber. Im Verlauf des Satzes durchdringen sich die Einzelelemente immer mehr bis hin zu einem ritardierenden Schluß, der im äußersten pianissimo verhaucht.
Der ganze vierte Satz Finale concertante wird durch ein sechstöniges Motiv floskelhaft beherrscht. Ein zwanzigtaktiges Marschthema drängt sich auf, gefolgt von einer "cantus-firmus-Bearbeitung" eines Landsknechtsliedes aus dem Dreißigjährigen Krieg. Das Marschthema kündigt sich wieder an. In der Apotheose kommen alle Satzelemente zum Zuge, wobei das "Gewebe" der Holzbläser - über dem Soldatenlied als Kanon - zwölfftönig konzipiert ist. Eine kurze Coda mit rasch aufgebautem Tutti beschließt das Werk.
Bertold Hummel
Mit dem 1. Satz "Fanfare" (in einer schlankeren Instrumentation) bewarb sich Bertold Hummel bei der Ausschreibung für die Olympiafanfare 1972 in München und erhielt dafür eine Olympische Silbermedaille.
Am Ende der Betrachtungen zu Bertold Hummels Sinfonik ist ein Hinweis auf sein Schaffen für das Laienmusizieren notwendig. Auf diesem Gebiet steht er voll in der Tradition seiner Lehrmeister Genzmer und Hindemith, die ebenfalls die Nähe zur Praxis der nichtprofessionellen Musiker nie verloren. Naturgemäß gilt die Maxime: Je einfacher das Konzept, desto diatonischer und reduzierter sind die Bausteine und Klänge. Der Aspekt der Farbe tritt dann in den Hintergrund und die kompositorische Fraktur wird stärker von zeichnerisch linearen Strukturen bestimmt, die deutlich konventioneller wirken.
Von den sinfonischen Werken zählen die Stücke für Blasorchester zu den einfachen Kompositionen. Ausgesprochen für Laien komponiert wurde die „Sinfonietta“ op. 39, 1970 entstanden, und die „Musica Urbana“ op. 81c, die Hummel 1983 komponierte und die ein Jahr später in seinem Geburtsort Hüfingen unter seiner Leitung mit ortsansässigen Spielern aus der Taufe gehoben wurde. Für etwas gehobenere Ansprüche schuf Hummel 1977 die „Oregonsinfonie“ op. 67, die am 7. April 1978 in Ashland/Oregon (USA) in Anwesenheit des Komponisten zum ersten Mal erklang. Neun Jahre später, anläßlich seiner zweiten USA-Reise, führte Hummel die „Sinfonische Ouvertüre“ op. 81d (den erweiterten ersten Satz der "Oregonsinfonie“) in seinem Gepäck mit und brachte sie am 21. November 1987 in Seattle mit der W.I.B.C Directors Band zur Uraufführung.
Claus Kühnl (in "Die sinfonischen Werke Bertold Hummels", Tutzing, 1998)