BERTOLD HUMMEL - Texte zu den Werken: op. 67


Zurück zur Verzeichnisliste

Oregonsinfonie für großes Blasorchester op. 67 (1977)

I. Ouverture Anfang

II. Andantino

III. Adagio

IV. Finale Mittelteil

 

Uraufführung: 7. April 1978, Monmouth (Oregon), Western Oregon University
Southern Oregon State Symphonic Wind Ensemble / Max McKee

Europäische Erstaufführung: 09. September 2005, Nabburg (Deutschland)
Nordbayerisches Jugendblasorchester / Ernst Oestreicher

Besetzung: Picc., 2 Fl., 2 Ob., Klar. in Es, 3 Klar. in B, Baß-Klar. in B, 2 Fag., 2 Alt-Sax. in Es, Tenor-Sax in B, Bariton-Sax. in Es, 3 Trp. in B, 4 Hrn. i. F, 3 Pos., Tb., Bariton-Tb. i. B, Baß-Tb., Kb.(E-Bass ad libitum), Schlgzeug <5 Spieler> (Pk., Kl. Tr., Gr. Tr., Vibra, Xyl., Bongos, Holzbl., Tamb., 5 Beck., Beckenpaar, Ratsche, Triangel, Conga, Tamtam, Gong, Tempelblock, Slit Drum, Tomtom, Kastagnetten, Claves, Glocken ad.lib.)

Aufführungsdauer: 23 Minuten

Verlag: Schott Music (Partitur und Stimmen sind Kaufmaterial!)
Partitur: ED 51871 SHS 1023 / Stimmen: ED 51872 SHS 1023-50

Druckfehler der 1. Ausgabe: In den Stimmen der Posaune 1, 2 und 3 sind jeweils auf Seite 4, 3. Zeile folgende Fehler zu berichtigen: Im Takt 35 müssen 6 Takte statt 5 Takte Pause gezählt werden. Zwei Takte später müssen 3 Takte statt 4 Takte gezählt werden.

 

Vorwort (Schott Music)

Im Jahre 1977 erhielt Bertold Hummel den Auftrag, für einen USA-Besuch im darauf folgenden Jahr ein größeres Werk für Blasorchester zu schreiben. Ein ihm als Geschenk überlassenes Fotoalbum mit Szenen aus dem Bundesstatt Oregon inspirierte den Komponisten zur Oregonsinfonie op. 67.
Die Uraufführung fand am 7. April 1978 anlässlich eines Kongresses der College Band Directors National Association an der Western Oregon University in Monmouth im Bundesstaat Oregon in Anwesenheit des Komponisten statt.
Im November 1986 veranstalteten der Bayerische Musikrat und der Bayerische Rundfunk in Friedberg einen Konzertabend mit neuen Kompositionen für sinfonisches Blasorchester, um die zeitgenössische Literatur für diesen auch in Deutschland stark aufstrebenden Klangkörper zu bereichern. Das Jugendblasorchester Werneck spielt die vermeintliche Uraufführung des 1. Satzes aus der Oregonsinfonie, von Hummel als Sinfonische Ouvertüre op. 81d bezeichnet. Dieser Satz wird von Hummel selbst ein Jahr später bei einem weiteren Amerikaaufenthalt in Seattle/Washington aufgeführt und im gleichen Jahr bei Schott herausgegeben.

Erst im Nachlass wird die komplette autographe Partitur wieder gefunden. Mit der hier vorliegenden Druckausgabe steht nun neben der Sinfonietta op. 39 (1970) und der Musica urbana op. 81c (1981) das größte symphonische Werk Bertold Hummels für Blasorchester interessierten Dirigenten und Orchestern in einer vorbildlichen Edition zur Verfügung.

Die Sinfonie beginnt im 1. Satz unmittelbar mit einem majestätischen Thema in den Trompeten, das sich durch die gesamte viersätzige Sinfonie zieht und in ständig verändernde Zusammenhänge gestellt wird. Der 2. Satz ist ein ruhig fließendes Scherzo, welches auch das umfangreiche Schlaginstrumentarium in die motivisch-thematische Arbeit mit einbezieht. Eine Reminiszenz an die europäische Heimat ist der 3. Satz. Der vierstimmige Choralsatz von Heinrich Isaac über das Lied "Innsbruck ich muss dich lassen" wird von einem Saxophonquartett wörtlich zitiert, unterbrochen durch meditative Einwürfe der Flöte und Oboe. Im Finalsatz findet Hummel den regionalen Bezug zu seinem Gastland durch Hinzuziehung einiger amerikanischer Volkslieder (Tom Dooley, Skip to my Lou), einer "jazzigen" Episode und der kompletten Hymne des Bundesstaates Oregon.
Mit diesem großen sinfonischen Gesamtrahmen und einer auf historische Traditionen aufbauenden zeitgemäßen, aber stets verständlichen Tonsprache gelingt Hummel eines seiner großen Meisterwerke, das im Repertoire der großen und bedeutenden Harmonieorchester weltweit seinen Platz finden wird.

Ernst Oestreicher (Bundesdirigent des Nordbayerischen Musikbunds e. V.)

 

Eine detaillierte Analyse des Werkes befindet sich in der Diplomarbeit:
Denis Laile: Bertold Hummel und seine Werke für Blasorchester (3,21 MB)


"1977 war ein guter Jahrgang." Damit meint der Würzburger Komponist Bertold Hummel nicht den Wein, sondern zieht ein Resümee seines diesjährigen Schaffens. Er vollendete vor kurzem im Auftrag für die USA ein großes sinfonisches Werk für rund 100 Bläser, bestellt von der "Southern College Band Convention of America" in Oregon, wo das Opus im März des kommenden Jahres in seiner Anwesenheit uraufgeführt werden soll. Hinter der langen englischen Bezeichnung verbirgt sich eine Art Dachverband von Musikhochschulen, die in den Vereinigten Staaten grundsätzlich in die Universitäten integriert sind.
Die in ihrem Aufbau viersätzige, nach zweimonatiger Arbeit fertiggestellte Sinfonie dürfte nach einer Vielzahl von Werken Hummels auf beinahe allen Gebieten der Musik ("wie viele es genau sind, weiß ich nicht, da ich keine Opuszahlen führe") das bisher umfangreichste sein. Die Bläserbesetzung ist enorm und entspricht jener eines ganzen Sinfonieorchesters: Allein 15 Klarinetten in drei Fünfer-Blöcken! Ferner vier Piccolo- und sechs Querflöten, Baßklarinette, Fagotte, Saxophone, Trompeten, Hörner, Tuben und das typisch amerikanische Susaphone. Dazu fungieren fünf Schlagzeuger mit und an allem, was zu diesem Metier gehört.
Ein Motto (Hummel vermeidet bewußt das Wort Thema) wird im ersten Satz (Maestoso-Allegro) vorgestellt und von allen Seiten gleichsam be- und durchleuchtet. Im zweiten, einem Andantinosatz entwickelt sich ein graziler Gedanke. Im Adagio kommt eine Lied-Idee hinzu und wird unter steter Steigerung einem Höhepunkt zugeführt, um dann wieder abzuklingen. Das Finale bringt außerordentlich viel rhythmische Bewegung; dabei taucht allmählich die Hymne des US-Bundesstaates Oregon auf, wird immer deutlicher erkennbar und endlich kontrapunktisch mit dem Motto verschmolzen. Dabei jagt ein musikalischer Einfall den anderen, Jazzeinlagen und sogar der drüben in jedes Ohr eingegangene "Yankee Doodle" sind hineingearbeitet.
Nicht zuletzt die interessante Instrumentierung wirft die Frage auf, wo und wie Hummels Schaffen in der Gegenwart einzuordnen ist. Sicher nicht in vorderster Front der
Avantgardisten. "Ich war stets ein Evolutionär, aber kein Revolutionär", sagt der im südbadischen Hüfingen Geborene über sich selbst, wobei er betont, allem Neuen absolut unvoreingenommen gegenüberzustehen. Jedoch: "Musik soll aus dem Inneren heraus sprechen".

Main-Post, 19. November 1977

 

Der Erste Satz wird mit einer zwingenden Exposition eines Motivs in den Blechbläsern eröffnet, worauf sofort eine stark kontrastierende Neudarstellung in den Holzbläsern und im melodischen Schlagzeug erfolgt. Die wuchtigen Akkorde des ersten weichen der Ruhe des zweiten Satzes, in dem Isorhythmik als weiteres Mittel der formalen Bindung eingesetzt wird. Der dritte Satz hat als Mittelpunkt den Bach'schen Choral "O Welt, ich muss dich lassen", in dessen Text wir später lesen "Damit fahr ich von hinnen.. " Anbetracht des auffälligen Einsatzes von "Land of the Empire Builders" (Staatshymne Oregons) und zahlreichen amerikanischen Volksliedern im Finale, scheint es naheliegend, dass der Choral im dritten Satz mehrere mögliche, enigmatische Bedeutungen zulässt.

(aus dem Programmheft der Uraufführung)

 

Presse

SOSC News Service 1978, Ashland

Als Bertold Hummel aus der BRD Oregon zum ersten Mal gesehen hat, stellte er fest, dass diese Landschaft der Vorstellung entspricht, die er sich beim Komponieren seiner neuesten Sinfonie, die Oregon-Sinfonie, gemacht hatte. Am Donnerstag erzählte er, dass das, was er bisher vom Staat gesehen hat, auch Erinnerungen an den Schwarzwald in Deutschland wach rufe.
Hummel ist mit seiner Frau Inken am Mittwochabend in Ashland angekommen, rechtzeitig für die Uraufführung seines neuesten sinfonischen Werkes.
Im Lauf eines am Donnerstag an der Universität Ashlands gegebenen Interviews erinnerte sich Hummel, wie er einen Vorschlag von McKee annahm, die Oregon-Sinfonie für die SOSC-Bläserorchester zu schreiben. Sie wurden sich vor einem Jahr darüber einig, als McKee Hummel zu Hause in Würzburg besuchte. McKee, Director der Bands am Ashland College, genoss zum Zeitpunkt ein Urlaubsjahr und war schon seit mehr als ein Jahrzehnt mit Hummels Musik vertraut. Hummel stimmte dem Auftrag zu, den Titel des Werkes legte er nach eigenen Angaben aber erst später fest. Dieser fiel ihm ein, nachdem er - als Geschenk von McKee - ein Album mit Szenen von Oregon in Aufnahmen von Fotographen Ray Atkenson erhalten hatte. Szenen aus diesem Album, berichtete er, halfen ihm, Inspiration für seine Oregon-Sinfonie zu bekommen . Das 30-minutiges Werk enthält vor allem im ersten Satz mehrere amerikanische Volkslieder, u.a. "Skip to My Lou", "Land of the Empire Builders" (Staatshymne Oregons) und "Tom Dooley."
Hummel lachte beim Erzählen vom Staunen seiner 9-jährigen Söhne, als sie hörten, er würde in die USA nur deshalb reisen, weil er Musik für 30 Minuten geschrieben hatte. "Sie fragten mich", sagte Hummel, "gehst du wirklich den ganzen Weg nach Amerika nur für 30 Minuten?"
Nach Gastauftritten in Oregon will Hummel noch Cleveland, Ohio besuchen und einen Vortrag am Baldwin Conservatory halten. Dann geht es weiter Richtung Potsdam, New York für einen Vortrag an der Crane School of Music.
In Potsdam, fügte Hummel dazu, plane er ein Treffen mit dem amerikanischen Komponisten Aaron Copland, dessen Musik er seit langem bewundere.


Werke für (Laien-) Blasorchester

Am Ende der Betrachtungen zu Bertold Hummels Sinfonik ist ein Hinweis auf sein Schaffen für das Laienmusizieren notwendig. Auf diesem Gebiet steht er voll in der Tradition seiner Lehrmeister Genzmer und Hindemith, die ebenfalls die Nähe zur Praxis der nichtprofessionellen Musiker nie verloren. Naturgemäß gilt die Maxime: Je einfacher das Konzept, desto diatonischer und reduzierter sind die Bausteine und Klänge. Der Aspekt der Farbe tritt dann in den Hintergrund und die kompositorische Fraktur wird stärker von zeichnerisch linearen Strukturen bestimmt, die deutlich konventioneller wirken.
Von den sinfonischen Werken zählen die Stücke für Blasorchester zu den einfachen Kompositionen. Ausgesprochen für Laien komponiert wurde die Sinfonietta op. 39, 1970 entstanden, und die Musica Urbana op. 81c, die Hummel 1983 komponierte und die ein Jahr später in seinem Geburtsort Hüfingen unter seiner Leitung mit ortsansässigen Spielern aus der Taufe gehoben wurde. Für etwas gehobenere Ansprüche schuf Hummel 1977 die Oregonsinfonie op. 67, die am 7. April 1978 in Ashland/Oregon (USA) in Anwesenheit des Komponisten zum ersten Mal erklang. Neun Jahre später, anläßlich seiner zweiten USA-Reise, führte Hummel die Sinfonische Ouvertüre op. 81d (den erweiterten ersten Satz der "Oregonsinfonie“) in seinem Gepäck mit und brachte sie am 21. November 1987 in Seattle mit der W.I.B.C Directors Band zur Uraufführung.

Claus Kühnl (in "Die sinfonischen Werke Bertold Hummels", Tutzing, 1998)

 

The Commissions Story
by M. Max McKee

Early in 1977, I was preparing to take a sabbatical leave from Southern Oregon College. I had decided to use the time to take a 6-week trip through several European countries with the intent of commissioning new works for band.

Because I had played Bertold Hummel's "Suite for Clarinet" on several occasions and liked it very much, he was one of my composer choices. Some of my saxophone students at SOC had played Ida Gotkovsky's "Brilliance," and this was another composition that caught my attention. I wrote letters to Hummel in Germany and Gotkovsky in France and sat back waiting for a response.

Five months passed. The day before the four of us left for Europe (my wife Nell plus my father and mother, George and Ona McKee) responses came from both composers through the college mail!! Had these arrived even one day later, the amazing connections in following years would never have occurred. (Meeting and working with Bertold and Ida were linked 12 years later to Philippe Langlet and Claude Pichaureau in France, Juan Mas Quiles of Spain, Kanat Akhmetov in Kasakstan, Georgy Salnikov and Igor Savinov of Russia and many more.)

During the 1977 European trip we stopped first to meet with Paris Conservatory composer, Ida Gotkovsky, at her Paris flat. Her husband, Marc Giullou, spoke good English and he helped us discuss the idea of writing a major composition for American bands. We immediately sensed a bond with them, Ida agreed to my paltry $500 offer for the commission and a few days later we were invited to their 200-year old home in Le Perray en Yvelines outside Pairs. It was only the beginning of a lifelong friendship.

Several weeks later we had made our way to Würzburg, Germany where Bertold Hummel served as President of the Hochschüle für Musik. Invited to his home, we once again fell into an immediate friendship with Bertold and his wife, Inken. A bit shaken from the look I got from Ida when offering the commission dollars in France, I started that conversation in my just-OK German with Bertold, "How much do you receive for your commission works?" He went on to tell me that most of his work outside of the conservatory was for West German Radio. "From them I receive $1000 per minute of music composed," he said.

After recomposing myself, I jokingly said, "Well, then, could you perhaps write me a 30-second composition? I have only $500 to offer." Bertold broke out with his infectious laugh and said, "For that, I can definitely write you something more than 30 seconds in length." The completed work that arrived mid-Summer of 1977 was a four movement, 26-minute symphony!

The end of story is even more amazing. Ida's Poeme du Feu (a 15-minute, 2-movement work) also arrived that summer. That and the Oregon Sinfonie provided a solid foundation for the SOC Wind Ensemble's program at the Northwest CBDNA in February 1978. It was at that point that I decided to make the entire program new commissions, new arrangements and special performances. My good friend and SOC colleague, Glenn Matthews, wrote Festival March. I made an arrangement of Wieniawsky's "Romance" from the Second Violin Concerto and featured another SOC colleague, violinist, Fred Palmer. The program ended with Alfred Reed conducting the West Coast Premiere of the "Armenian Dances, Part 2."

1978 Orgeon Crater Lake: Hummels - McKees - Marc Giullou / Ida Gotkovsky

Not only did Hummel and Gotkovsky compose the works for this special event, both traveled to America with their spouses paying their own expenses to join us for the 10-day period leading up to performances in the Salem area, at the CBDNA at Western Oregon College and at home in the SOC Music Recital Hall. Each spent time with the members of the band, traveled on the tour buses, visited our home on several occasions and enjoyed special trips to the Oregon coast and Crater Lake. It was a truly magical experience in so many ways. Little did I know that within a dozen years it would open up the world to our endeavors with Bandworld Magazine, Western International Band Clinic and, subsequently, the American Band College.