BERTOLD HUMMEL - Texte zu den Werken: opus 25


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Fantasie für Orgel, op. 25 (1963)


Introduktion - Passacaglia - Arioso

 

Uraufführung: 23. Juli 1963, Freiburg, Freiburger Münster
Dieter Weiss

Aufführungsdauer: 14 Minuten

Autograph:
Titel: Fantasie für Orgel 1963
Umfang: 24 Seiten
Datierung: 20. Juni 63 Würzburg
Aufbewahrungsort: Bayerische Staatsbibliothek, München

Verlag: N. Simrock Hamburg-London (Boosey & Hawkes) ISMN M-2211-1280-4

IntroduktionPassacagliaArioso

Literaturliste des Deutschen Musikrates für den Wettbewerb "Jugend musiziert":
Schwierigkeitsgrad 5/ sehr schwierig (Oberstufe)

Calig 30422


Die Fantasie soll ohne Zäsuren durchgespielt werden. Auch die Passacaglia-Variationen sollen ohne Verzögerung ineinander übergehen.

Bertold Hummel


Das Werk wurde für Dieter Weiss komponiert, der es am 23. 7. 1963 im Münster zu Freiburg/Br. zur Uraufführung brachte.

In zwei großen, sich steigernden Schüben läuft die Introduktion zu einem gewaltigen Tutti auf, das in der Oberstimme die ersten sechs Noten des Passacaglia-Themas zitiert (h — ais — fis — a — gis — e).
Die Passacaglia beginnt den ersten Einsatz ihres alle zwölf Töne umfassenden Themas auf es (im Pedal), wogegen sogleich eine Stimme im Manual erklingt. Die zweite Variation (manualiter) wird mit dem Register Koppelflöte 4' auf dem Brustwerk gespielt. Die dritte Variation setzt das Thema im Pedal auf des an, die Gegenstimme erklingt auf dem Schwellwerk. Die stark rhythmisierte 4. Variation (Thema auf ges) leitet über zur stärker bewegten 5. Variation, in der das Pedal zwischen die länger gehaltenen Thema-Noten bewegte Figuren im Dreier-Rhythmus einschiebt. Die 6. Variation treibt in schnellen Notenwerten dem großen Höhepunkt des Werkes zu, der mit ruhigen, klangvollen Akkorden erreicht wird, die auf dem Doppelpedal (in Dezimen-Abstand) basieren. Der rasche Abbau vom Tutti-Klang schließt ab mit einem achttönigen Akkord im pianissimo (SW).

Hierauf hebt das so besonders melodische Arioso an, ein durchweg dreistimmiger Satz (linke Hand Oboe 8' + Tremulant im SW). Die beiden oberen Stimmen — auf zwei Manualen — benutzen wiederum das thematische Material des Passacaglia-Themas — über dem quasi „piccicato" des Pedalbasses. In wundervoller Ruhe verklingt das Werk mit demselben Register, mit dem es auch begann (BW Gedackt 8').

Dieter Weiss



Larry D. Crummer: The Solo Organ Works by Bertold Hummel, Dissertation 1983


Presse

Die Welt, Hamburg 20.11.1964

Eine durchaus phantastische, halb-gehaucht visionäre, halb aufwühlend-erregte Stimmung dominiert. In dieser Phantastik liegt Kraft und Faszination des Werkes.

 

Fränkisches Volksblatt 4.10.1967

Die virtuos entworfene Komposition hat eine dreiteilige Form. Hummel nennt es "eines seiner ersten vollchromatischen Werke", das mit der Zwölftonreihe arbeitet, aber doch verständlich bleiben will.

 

Fränkisches Volksblatt 19.10.1970

Anders verhält es sich beim zentralen Werk des Abends, der Fantasie für Orgel von Bertold Hummel. Das Stück ist nicht nur eine Bereicherung und Ergänzung des deutschen, ja des internationalen Orgelschaffens, sondern geradezu eine Neuentdeckung. Hummels Stil ist selbständig. Wenn auch seine Fantasie eine größere Orgel und einen größeren Raum der klanglichen Effekte wegen vertragen hätte, so wurde in dieser Kirche erst recht klar, mit wieviel Logik und Sinn für motivisch-thematische Zusammenhänge, mit welchem Verstand und Gefühl für klangliche und rhythmische Reize Hummel seine Kunst ausweitet. Es handelt sich keinesfalls um Effekthascherei oder technische Spielereien, sondern um die geistige und musikalische Leistung eines Künstlers, der nicht nur sein Metier bis ins kleinste Detail beherrscht, sondern der auch als praktizierender Musiker auf die innere, bei ihm untrügbare Stimme hört, die ihm Inspirationen in die Feder diktiert. Die Fantasie ist aufgeteilt in Introduktion - Passacaglia und Arioso. Jeder dieser selbständigen Teile nimmt Bezug auf eine musikalische Keimzelle, aus der sich organisch einheitlich das Kunstwerk entwickelt. Hummels Ratio ist da sehr bewundernswert und erstaunlich. So findet sich eine Keimzelle etwa gleich im zweiten Takt der Introduktion in der Baßlinie. Das Passacaglia -Thema ist daraus gebildet worden, die Varianten der Passacaglia erfahren Steigerung in der Dynamik und im Bewegungsablauf, sie befolgen tonal im weiteren Verlauf konsequent das Schema des Quintenzirkels. Das Arioso bedient sich ebenfalls im Thema der Intervallstruktur der genannten Keimzelle. Polytonalität, Umkehrung, Krebs sind noch einige Merkmale, die das Werk nicht nur vom Höreindruck, sondern auch von der Kompositionsweise höchst attraktiv erscheinen lassen.