BERTOLD HUMMEL - Texte zu den Werken: opus 55d


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Fantasia für Flöte solo (aus dem Ballett "Die letzte Blume"), op. 55d (1975)



Aufführungsdauer: 5 Minuten

Verlag: N. Simrock Berlin (Boosey & Hawkes) ED 2978 /  ISMN M-2211-0896-8 - Kritisch korrigierte Neuausgabe von Henrik Wiese, 2014

 


siehe Fragment op. 55c auf youtube


Das Ballett "Die letzte Blume" nach J. Thurber beschreibt Macht, Machtmißbrauch, Krieg, Zerstörung und Hoffnung in sich wiederholendem Wechsel. Das Flötensolo schildert den vergeblichen Versuch der "letzten Blume", Hoffnung zu verbreiten, die im herabsinkenden Atomregen in sich erstirbt.

Bertold Hummel


Vorwort (Kritisch korrigierte Neuausgabe Simrock 2014)

Der Titel des Balletts Die letzte Blume löst bei Flötisten unweigerlich Assoziationen mit dem Lied „The last rose of summer“ aus, auf das sowohl Ludwig van Beethoven (op. 105, Nr. 4) als auch Friedrich Kuhlau (ebenfalls op. 105) Variationen für Flöte und Klavier komponiert haben. Die Ähnlichkeit im Titel ist allerdings trügerisch: Die letzte Blume und „The last rose of summer“ haben inhaltlich und musikalisch nichtsmiteinander zu tun.

Die letzte Blume von Bertold Hummel basiert auf der Parabel The last flower (1939) von James Thurber. In ihr werden Krieg und Frieden als zwei Zustände eines zivilisationsbedingten Zyklus‘ dargestellt, der eines Tages in der vollständigen Vernichtung von Leben und Liebe führen wird, wenn der Mensch nicht aus der Geschichte lernt. Die letzte Blume ist in dieser Parabel ein Sinnbild der Natur, ohne die die Menschheit nicht überleben kann. Stirbt die letzte Blume, stirbt auch der Mensch.

Hummel transportiert Thurbers Parabel in die Zeit der 1970er-Jahre, in dem er sie in seinem Ballett Die letzte Blume op. 55a mit dem Kalten Krieg und atomarer Bedrohung verknüpft. Nach einem mörderischen Krieg erblüht in der Verwüstung „einsam eine Blume und entfaltet voll ihre Schönheit. Da sie von Niemand wahrgenommen wird, sucht sie sich bemerkbar zu machen. Vergeblich versucht sie die wie versteinert an der Erde kauernden Gestalten in ihren Bann zu ziehen. Endlich gelingt es ihr, den Blick eines jungen Mädchens auf sich zu lenken. Angerührt durch die Schönheit der Blume erwacht das Mädchen in seinen Sinnen, ihr Lebenswille wird geweckt und ihr anfängliches Staunen wandelt sich in Freude und Begeisterung (Tanz: Mädchen + Blume). Nun will sie ihre Entdeckung auch anderen Menschen mitteilen. Nach verschiedenen Versuchen gelingt es ihr, einen jungen Mann auf die Blume aufmerksam zu machen. Auch er wird von der Schönheit der blühenden Blume angerührt und verspürt neue Lebenslust. Gleichzeitig erwacht in ihm die Liebe zu dem jungen Mädchen“ (aus Hummels Inhaltsangabe). Aus dieser Liebe zum Leben entwickelt sich allmählich wieder eine Zivilisation. Sie führt abermals in einen Krieg, in den letzten Krieg. Auf der von Atomwaffen zerstörten Welt „erblüht zaghaft die ‚letzte Blume‘ noch einmal, findet aber keine Resonanz und vergeht“ (aus Hummels Inhaltsangabe).

Hummels Fantasia op. 55d setzt sich aus drei Teilen dieses Balletts zusammen. Der erste Abschnitt beschreibt das erste Erblühen und Heischen nach Aufmerksamkeit (zu T. 1 aus der Partitur: Tanz der Blume). Es handelt sich im Ballett um eine Flötenkadenz hinter der Szene. Daran schließt sich die Entdeckung der Blume durch das Mädchen an (zu T. 31 aus der Partitur: „Das Mädchen erblickt die Blume“). In der Ballettfassung gesellt sich hier sinnfällig noch ein Vibraphon zur Flöte. Dieser zweite Abschnitt der Fantasia ist gegenüber dem Ballett etwas gekürzt. Der dritte Abschnitt (ab T. 63) ist dem Ende des Balletts entnommen und wird dort – wie die beiden anderen Abschnitte – hinter der Bühne gespielt. Er beschreibt das letzte Erblühen und Ersterben (zu T. 83 aus der Partitur: „Zuletzt stirbt die Blume im tödlichen Atomregen“).

Das Ballett Die letzte Blume op. 55a wurde am 4. Mai 1975 im Stadttheater Würzburg unter der musikalischen Leitung von Max Kink uraufgeführt. Soloflötist dieses Abends war Hubert Scholtes. Die Fantasia für Flöte solo aus dem Ballett „Die letzte Blume“ op. 55d erschien 1984 bei Simrock in Hamburg. In dieser Erstausgabe (Quelle E) fehlen leider wichtige Tempo-Angaben. Zudem sind die Vortragsbezeichnungen sehr sorglos platziert und die Takteinteilung ungeschickt, was an der Verwendung einer Notenschreibmaschine für den Notensatz gelegen haben wird. Das machte eine Neuausgabe dieses Werks aus inhaltlichen wie ästhetischen Gründen nötig. Die Vorlage für die Erstausgabe ist leider unbekannt. Stattdessen ist allerdings das Autograph der Ballettfassung (Quelle A) erhalten. Es zeichnet durch seine gute Lesbarkeit und Eindeutigkeit aus. Wertvolle zusätzliche Informationen lieferte auch die herausgeschriebene Flötenstimme der Ballettfassung (Quelle M).

Der Notentext der vorliegenden Neuausgabe folgt in seiner musikalischen Substanz (Tonhöhen und Rhythmus) Quelle E. In den Vortragsbezeichnungen (Dynamik und Tempo) wurde hingegen Quelle A als maßgebliche Quelle bevorzugt. Die wenigen im Autograph fehlenden Vortragsbezeichnungen, die sich in der Erstausgabe finden, wurden stillschweigend übernommen. Darüber hinaus gehende Ergänzungen des Herausgebers sind in eckige Klammern [ ] gesetzt. Das betrifft auch Ergänzungen aus Quelle M.

Henrik Wiese
München, im Herbst 2013


Presse

Tibia 1/1985

Bertold Hummel hat zwei Soloflötenepisoden, die im genannten Ballett hinter der Szene gespielt werden, in einer formal voll überzeugenden Weise zu einem Stück zusammengefasst und abgerundet. Obgleich die musikalische Substanz sich durchaus im Zusammenhang der Balletthandlung versteht, erscheint die Fantasia doch auch für sich genommen als autonome musikalische Äußerung sinnvoll und wesentlich. Hörer, Spieler und Leser werden in der Lage sein, die Architektur des Stückes in ihren einprägsamen Intervallmustern zu erkennen; sie werden merken, wie sich gegen Schluß der Kreis rundet; die - übersichtliche Gliederung schaffende - intervallmäßige Umkehrung charakteristischer rhythmisch-melodischer Figuren und einer Espressivo-Kantilene wird ihnen nicht entgehen. Noch manche Details in dieser Richtung wären zu nennen, kurz: Der große Vorzug des Stückes ist seine Deutlichkeit oder "Faßlichkeit" (wie es in der Wiener Schule hieß), ohne dass es deshalb an Ursprünglichkeit, Spontaneität und echter Emotionalität eingebüßt hätte.

Heino Schwarting

 

Musical Times, Mai 1986

Bertold Hummels Fantasie op. 55d aus dem Ballett "Die letzte Blume" ist ein lebhaftes und gut geschriebenes Stück, das auf unorthodoxe Weise freie Fiorituren, Triller und Läufe benutzt und die Spieler an die Grenzen ihrer Fähigkeiten bringen könnte.


Erstausgabe: N. Simrock Hamburg-London 1984